ForumLinksCameraSuchindexeMailPraxisinfoTippsKollegenhome
.
paednet.de  | adinfo  | disclaimer | home  | www.PLanger.de
.
Quo vadis paediatrie?
Während dem fachübergreifenden Netzwerk-Unwesen langsam die Luft auszugehen scheint, sind   Bemühungen im Gang, nun innerhalb unserer  Fachgruppe ähnliche Gebilde auf den Weg zu bringen. Da liegen klangreiche Namen wie "PaedNet Berlin Süd-West" u.ä.  auf dem Tisch, und das Ganze hört sich zunächst  ja auch recht einladend an. Wer hätte nicht Sinn für einen  solchen Verbundsgedanken? Kommt er doch in Zeiten beruflicher Verunsicherung und geringer Ressourcen einem Harmoniebedürfnis entgegen, einem Bedürfnis, das zugleich Lösungswege anzubieten scheint. "Einheit macht stark", mit disem Zauberspruch wird unvermindert geworben, obwohl er ja  symbolhaft auch für jede Art von Rattenfängerei steht. 
Wenn Politiker und Berufspolitiker diese Begriffe verwenden, dann meinen sie Zentralisierung und Konzentration mit einem unverkennbaren ökonomischen und dirigistischen Hintergrund. Daß dieser Weg nicht einmal eine Effizienzsteigerung garantiert, hat Schweden vor einigen Jahren festgestellt. Die skandinavischen Länder hatten auf einem Kongreß Bilanz hinsichtlich ihrer großflächig betriebenen Konzentrationsprozesse  im Gesundheitswesen gezogen. Diese Bilanz fiel vernichtend aus: durchgängig zeigte sich, daß alle Erwartungen bezüglich höherer Effizienz und Kosteneinsparung Illusion blieben. Diese im stationären Bereich gemachten Erfahrungen kann man sicher grundsätzlich auch auf die ambulante Medizin beziehen, und man möchte sie unseren Patienten ersparen.  
Aus diesem Grunde sollten  Entwicklungen in der Pädiatrie ebenfalls immer wieder hinterfragt werden.

Hartmann vom Berufsverband sprach sich wiederholt  für die Schaffung "pädiatrischer Versorgungszentren" mit einer engen stationär-ambulanten Vernetzung aus und er sieht in den kinderärztlichen Einzelpraxen nicht mehr als ein Auslaufmodell. Er geht so weit, den Kostenträgern "diagnosebezogene Modellversuche" zu empfehlen, die mit derartigen Zentren abgeschlossen werden könnten, etwa für das kindliche Asthma, Neurodermitis, ADHS, Anfallsleiden oder Diabetes. 
.
Das Ganze klingt zunächst modern, zukunftsweisend und dem "Genossen Trend" folgend. Die regelmäßig zu hörenden Floskeln von einer Optimierung der Diagnostik und Therapie  sind  allerdings ebenso nichtssagend wie abgegriffen. Da fliegt einem schnell das ganze  Vokabular  kybernetischer Vorturner  um die Ohren , und spätestens jetzt haben wir den Verdacht, daß es  primär um das Ziel struktureller Einflußnahmen  und nicht um fachliche Inhalte gehen könnte. 
Selbst bei sauberer Inspiration muß ein zentralisierter Sachverstand nicht zwangsläufig in die richtige Richtung weisen. 
.
Selbstverständlich  wissen wir, daß es unverzichtbare und gewachsene Kooperationen zwischen den verschiedenen pädiatrischen Arbeitsebenen gibt, fachliche Vernetzungen also z.B. zwischen Klinik und Ambulanz,  deren Güte in erster Linie  von der Güte der an ihnen beteiligten Personen abhängig ist. 

.
 

 

Andererseits haben innerhalb der Fachgruppe die zentralen stationären Einrichtungen  traditionell eine herausragende Position, die sich schon aus ihrer dominierenden Rolle in Forschung und Lehre erklärt. Deshalb könnten ihre Vertreter besonders in Zeiten gekürzter Ressourcen dazu verleitet sein, den eigenen Bereich vorrangig zu sichern und  begünstigen zu wollen. Es ist  nicht abwegig,  die niedergelassenen Kinderärzte in der Gefahr zu sehen, als  Hilfstruppe der Kliniken und ihrer Fach-Ambulanzen zu enden, zumal am anderen Ende der Betreuungsskala die Allgemeinmedizin mit ihrer unzureichenden Kompetenz steht. 
Wir haben den Anfang einer solchen Entwicklung bereits einmal in der DDR erlebt. Hier war, wie wir wissen,  schnell eine Ehe zwischen fachlicher und politischer Hierarchie geschlossen
Die Rolle der Allgemein-Pädiatrie charakterisierte der damalige Vorsitzende der Gesellschaft für Pädiatrie der DDR, selbst Chef einer großen Kinderklinik, einmal in einem Editorial dahingehend, daß sie  für  Praevention und die Behandlung "selbst-limitierender Erkrankungen und leichterer Befindlichkeitsstörungen im Kindesalter" zuständig sei..
Diese Formulierung charakterisierte bestenfalls das Arbeitsgebiet eines rezeptierenden Heilgehilfen, nicht aber das eines Facharztes.  Wie ich einem kompetenten Schreiben  dieser Zeit entnehmen konnte, begann  in der DDR eine Entwicklung, die der "Chef-Pädiater"  selbst keineswegs beabsichtigte: Die  Wichtigkeit der Allgemeinpädiatrie wurde schlicht in Frage gestellt. Neun von zehn ambulant kranken Kindern, so hörte man locker, könnten wohl auch die Erwachsenen- Mediziner behandeln. Es bedurfte des energischen Einspruchs beim Gesundheitsminister, um Schlimmeres zu verhindern. 

 Die Betreuung fast aller chronisch Kranken wurde andererseits durch den Wildwuchs sogenannter Dispensaire-Ambulanzen abgedeckt, deren Besetzung wiederum durch die Kliniken erfolgte. Den einmal geschaffenen Strukturen wurde der erforderliche Bedarf notfalls nachgeordnet. Für die Patienten ergab sich ein gigantischer "Medizin-Tourismus",   unter dem sie nicht selten zu leiden hatten. 

Die Wende nach der Wiedervereinigung von einer Barfuß-Medizin zu einer effektiven ambulanten Pädiatrie haben wir deshalb als beglückend empfunden. Vieles aber läßt jetzt  eine Rückwärtsbewegung befürchten.
.
Solange wir Kinderärzte die sogenannte Allgemeinpädiatrie als unverzichtbaren und effektiven Bestandteil unseres Fachgebietes verstehen, ist daher eine kritische Wachsamkeit angebracht. Neue Strukturen sollten nur dort etabliert werden, wo klar definierte Aufgaben diese notwendig machen. 

© Dr.Peter Langer 2004