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| Anonyme
Entbindung, Patientenpaß
und andere Mißgeburten |
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Dieser Artikel ist 2001 verfaßt worden. Inzwischen wurde die Gesundheitsreform verabschiedet, die Thematik blieb jedoch aktuell. -pl- Die Bundesregierung hat die Absicht, demnächst anonyme Entbindungen zuzulassen. Gegen diese Absicht protestieren vehement die Ärzte der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Mit Recht verweisen sie darauf, daß eine damit angeblich beabsichtigte Verhinderung von Aussetzungen und Kindestötungen weder belegt, noch zu erwarten sei. Die psychische Traumatisierung einer sogenannten "Generation X" in Frankreich, das sind fast 400 000 seit 1941 anonym geborene Personen, wird damit ignoriert und einem feministisch orientierten Pseudohumanismus untergeordnet. Die Geburtshelfer weisen darauf hin, daß es bei ungewollten Schwangerschaften meist Persönlichkeitsstörungen seien, die zum Verstoßen oder gar Töten des Kindes führten. Sie befürchten, daß die Möglichkeit einer anonymen Entbindung mit anschließender Freigabe des Kindes eher von Frauen mit vorübergehenden psychosozialen Problemen wahrgenommen würde. Wie schwer sich eine solche Anonymisierung für die Betroffenen auswirken kann, belegen die Schicksale der norwegischen "Lebensbornkinder" aus der Nazi-Zeit. Das Bundesgesundheitsministerium versucht in vielfältiger Form durch Schnellschüsse auf Nebenschauplätzen den Eindruck einer nachhaltigen Reformbereitschaft zu erwecken. Ein weiteres Beispiel solcher Aktivitäten ist die geplante Einführung eines Gesundheitspasses. Dieses Vorhaben einer "Projektgruppe Junge Medizin" des BMG wird nur eines mit Sicherheit verursachen: Kosten in Höhe von vielen hundert Millionen DM, in die sich Steuerzahler und niedergelassene Ärzte teilen sollen. Durch nichts ist die Annahme gerechtfertigt, daß für die Gesundheit von Patienten oder die Effizienz ihrer Behandlungen dadurch eine meßbare Verbesserung erfolgen könnte. Diese Plastikkarte ersetzt in keiner Weise die persönliche Anamnese-Erhebung jedes Arztes. Sie könnte bestenfalls eine zusätzliche Orientierung bieten, erforderte aber dafür zusätzliche Arbeit. Der Aufwand für Eintragung, Löschung und Kontrolle der dort abgelegten Daten wäre erheblich..Die Vorstellung, so eine umfassende Patientendokumentation von der Wiege bis zur Bahre zu verankern, ist abenteuerlich. |
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Und wo wäre der angeblich zusätzliche reale Sicherheitsgewinn für den Patienten ? Schon bei den Medikamenten klaffen ärztliche Verordnung und Einnahmewirklichkeit nicht selten deutlich auseinander. Noch abwegiger ist die Behauptung, auf diesem Wege Geld einsparen zu wollen. Kein praktisch tätiger Arzt wird dieses Gerede ernst nehmen können. Selbst innovationsfreudige Zeitgenossen werden ein solches Potential kaum entdecken. Daß Patienten durch direkten oder indirekten Zwang derart zu einer Freigabe ihrer intimen Persönlichkeitsdaten veranlaßt werden könnten, ist in höchstem Maße bedenklich. Nein, was hier zu spüren ist, das scheint ganz offensichtlich ein vorauseilender "Euro-Ehrgeiz" zu sein, der Wunsch, übernational Meriten zu sammeln und damit auch innenpolitische Duftmarken zu setzen. Weitere Millionen von Mark werden beispielsweise in Projekte gesteckt, die der Erforschung einer angeblich unzureichenden Selbstbestimmung von Patienten bei medizinischen Entscheidungsprozessen Rechnung tragen sollen. Um die Millionen können sich solche Anbieter beim BMG bewerben, die maßgeschneiderte Themen unterbreiten. Daß sich für derart finanziell gesponserte "Projekt- Ausschreibungen" genügend professorale Bewerber finden, ist nur zu verständlich und keinesfalls ein Beleg für die Dringlichkeit solcher Aktivitäten. Man darf gespannt sein, welche weiteren Neuerervorschläge aus den Amtsstuben der Ministerin kommen werden. Aber auch das, was jüngst aus dem Munde des Ex-Ministers Seehofer zu hören war, ist nicht mehr, als der Versuch, sich aus den Fesseln früherer Fehlentscheidungen zu befreien. Und die ärztlichen Selbstver- waltungsorgane scheinen zu stark mit ihrer Selbstdarstellung, dem Häuserbau oder den Vorstandseinkünften beschäftigt zu sein, als daß echte Kontrapunkte zu erwarten wären. Man übt ein freundliches Miteinander und ist bereits dankbar, wenn z.B. bei der Erarbeitung medizinischer Therapie- und Betreuungsprogramme die ärztlichen Vertretungen überhaupt "mit ins Boot genommen werden" sollen. So seltsam es klingt: die mit ihrem Popularitätstief gestrafte CDU ist momentan die einzige Partei, die einigermaßen solide und ausgewogene Vorschläge zur Überwindung der Systemkrise macht. . © Dr.P.Langer 2001 |