ForumLinksCameraSuchindexeMailPraxisinfoTippsKollegenhome
.
paednet.de  | adinfo  | disclaimer | home  | www.PLanger.de

Pisa und die deutsche Armut
.
.
Frau Hoffmann kam mit ihrem Jungen in meine Sprechstunde, um mir zu  erzählen, daß die Vorschul-Logopädin ihren Maik in die "Mangel genommen"  habe. Dieser mir seit Jahren bekannte mutistische  Knabe sollte nunmehr mit  kompletten Sätzen reden lernen. Zu Hause ist dies nie ein Problem gewesen,  nur außerhalb der häuslichen Atmosphäre bereitet das eben noch  Schwierigkeiten. Aber: Nicht sein kann, was nicht sein darf! Zur  Unterstützung  der pädagogischen Bemühungen wurde Maik angewiesen, die  Hände  "ordentlich vor sich auf den Tisch" zu legen. Und auch das  "Berlinern" müsse ihm schnellstens abgewähnt werden. Es bestünde  dringlicher Handlungsbedarf, so die Sprachgewaltige. Alle Einwände und  Hinweise der anwesenden Mutter auf die Besonderheiten unseres Patienten  halfen nichts. Maik war bis in den Abend hinein fix und fertig. Eine zweite  Sitzung wird ihm nicht abzuringen sein. 
Das Ganze spielte sich kurz nach Bekanntwerden der sogenannten  Pisa-Studie ab, und es ist deshalb naheliegend, in der repressiven  Pädagogik unserer Logopädin bereits eine "ergebnisorientierte  Schlußfolgerung" dieser Studie  zu vermuten. Eines der schockierenden  Studienergebnisse ist es ja, daß als  Grundübel  einer erfolglosen  Wisssensvermittlung die Unterforderung von Kindern in den unteren  Schulklassen  entdeckt wurde. Und dies, nachdem eine ganze Pädagogen-Generation glaubte, das Heil der Kleinen durch die Vermeidung  mutmaßlicher Überforderungen  in den Griff zu bekommen. Dabei  wurde billigend in Kauf genommen , daß nun Handy-Passwörter statt Geschichtsdaten die Löcher im Hirn ausfüllten. 
Weniger Verwunderung löste die Erkenntnis aus, daß sozial benachteiligte  Gruppen besonders schlecht bei den Tests abschnitten. Scheinbar ist dies  eine einfache Bestätigung der altbekannten Formel: Bildungsdefizite sind die Ursache oder aber auch die Folge von Chancenungleichheit, somit von Armut in  Deutschland, wenn man der modernen  Definition von Armut folgen will. 
Bei einer so großen Quote schlecht gebildeter Jugendlicher könnte man  Deutschland demnach als ein Land mit ausgeprägter Armut bezeichnen. 
.
Da das Bildungsdilemma sich ganz besonders im mangelhaften Sprachvermögen zeigt, sind hier die sensibelsten Reaktionen aller Zuständigen zu erwarten gewesen. Die Konflikte bei der Zuweisung fälliger Verantwortlichkeiten sind hinreichend bekannt: Lehrer, Eltern, Kindergärten oder die Medien: Jeder fühlt sich mehr oder weniger ertappt und geht deshalb in die Offensive . Auch Politiker bekennen sich durch Kommentare und Erklärungen einhellig zur Wichtigkeit einer guten sprachlichen
Kommunikationsfähigkeit und fordern dennoch im gleichen Atemzug: "Kids ab 4. Lebensjahr an die Maus" , um auch hier eine "frühzeitige Chancengleichheit" für unsere  Kleinsten sicherzustellen. Der Schulsenator Böger wiederum möchte seinerseits durch neue Sprachtests bereits bei Vierjährigen das Problem angehen und eine "Sprachstandserhebung" vorlegen. Man zeigt also auch schulseitig ein verschärftes Problembewußtsein und will mit neuen Analysen Sachverhalte ermitteln, die bereits weitgehend bekannt sind. 
Reich-Ranicki brachte dies einmal mit der Bemerkung auf den Punkt, daß Politiker ohnehin nicht der deutschen Sprache mächtig seien. Da ist viel Wahres dran. Man denke nur an manchen sonderschulverdächtigen Beitrag im Bundestag. 
Über die Ursachen der allgemeinen Sprachmisere ist viel Kluges und Dummes gesagt worden. Praktisch gipfelten die Geistesblitze bekanntlich in einer Rechtschreibreform, über deren Sinnhaftigkeit noch heute gestritten wird. 
Eine  Einsicht aber scheint sich nun unter den Politikern durchzusetzen: Das Beherrschen der Landessprache sollte für jene eine Voraussetzung sein, die als Einwanderungswillige nach Deutschland kommen wollen. Eine spätere Nacharbeit ist in jeder Beziehung teuer und ineffektiv.  Eine zweite Einsicht könnte in der Erkenntnis liegen, daß sich Chancengleichheit nicht über den Bildungsstand, sondern über das verfügbare Bildungsangebot definiert. Und da  kann man einerseits sicher viel Verbesserungswürdiges entdecken. Andererseits bleibt Deutschland nicht nur ein wirtschaftlich reiches Land, sondern auch ein Land mit einem reichen Bildungsangebot für alle Bildungshungrigen. 

© Dr.P.Langer