Unzählige Arbeiten zum Sudden Infant
Death Syndrom (SIDS), das korrekt genommen kein Syndrom, sondern ein Ereignis
ist, durchziehen die Literatur. Überwiegend handelt es sich um retrospektive
Analysen, die mit unterschiedlichen statistischen Verfahren erstellt wurden.
Einerseits führten diese Studien zur
Definition inzwischen anerkannter Risikogruppen und vorbeugender
Empfehlungen, die territorial bereits zu einer deutlichen Reduktion
solcher Todesfälle geführt haben sollen.
Auf der anderen Seite gab und gibt es
immer wieder kritische Stimmen, die Zweifel am methodischen Vorgehen und
der Bewertung dieser Analysen vorbrachten. Die Zweifel gehen so weit, daß
PENNING u.a. vom Institut für Rechtsmedizin München anhand eigener
Ergebnisse die Frage stellen: Gibt es den plötzlichen Säuglingstod
überhaupt?
Der plötzliche Säuglingstod,
ein bereits seit Jahrtausenden bekanntes Phänomen, wird nach einer
seit 1970 von Beckwith eingeführten und bis dato allgemein anerkannten
Definition beschrieben: "Plötzlicher Tod jedes Säuglings oder
Kleinkindes, der unerwartet eintritt und bei dem sich durch eine sorgfältige
postmortale Untersuchung keine adäquate Todesursache
nachweisen läßt."
In einer bemerkenswerten Arbeit kommt
PENNING (pädiatrie hautnah 1/2004,41) zu dem Schluß, daß
von 79 unter der Diagnose SIDS am Münchener Institut obduzierten Säuglingen
nur 5% per definitionem dieser Diagnose zuzuordnen waren. Bei allen
anderen waren pathologische Befunde unterschiedlicher Schweregrade bis
hin zu eindeutigen Todesursachen unerkannter schwerer Erkrankungen
(22%) gefunden worden und bei immerhin 5% der Fälle lagen Tötungsdelikte
vor.
Wie erklären sich derart unterschiedliche
wissenschaftliche Positionen ?
Ohne Frage ist die kausale Bewertung diskreter
pathologischer Befunde in ihrer Bedeutung für einen plötzlichen
Todeseintritt im Säuglingsalter besonders schwer. Welche autoptischen
Befunde etwa sind tödlich, und welche sind nur praefinaler Natur?
Zu den häufigen makroskopischen Befunden gehört z.B. bei SIDS-Fällen
ein ausgeprägtes Hirnödem, das von Pathologen oft als Nebenbefund
gewertet wird. Andererseits gehört die klinische Hirndrucksymptomatik
mit unbeeinflußbaren hyperpyretischen Temperaturen, Hyperventilation,
Koma und Krämpfen zu dem gefürchteten Symptomenkomplex einer
oft tödlichen "Neurotoxikose" (Reye-Syndrom) mit ihrem meist perakuten
Verlauf (Langer,P.: Dt.Geswesen 23,10 (1968) S.450). Die Behandlungs- und
Verlaufserfahrungen belegen eindrucksvoll, daß das Hirnödem
bei den tödlichen Verläufen dieser Erkrankung als unmittelbare
Todesursache anzusehen ist.
.
Einen anderen Ansatz zur Ursachenforschung
von SIDS verfolgte die Studie einer italienischen Forschergruppe um SCHWARTZ.
Sie verbanden eine große
Gruppe von Neugeborenen-EKG's
mit der SIDS- Problematik. Danach bestehen sehr
eindeutige Korrelationen zwischen einer verlängerten QT-Zeit und
der SIDS- Wahrscheinlichkeit (SCHWARTZ,P.J. u.
Mitarb.New.Engl.J.Med.338,1709-1714(1998). Damit wurden Beziehungen
zum QT-Syndrom hergestellt.
.
Der Bonner Pathologe und Rechtsmediziner
R.
Dettmeyer wiederum hat Herzgewebeproben von 60 unerwartet verstorbenen
Säuglingen mit verschiedenen Methoden untersucht. Die Proben enthielten
Entzündungszellen und Entzündungs-Eiweiße. In 14 von 60
Fällen konnte Dettmeyer Enteroviren nachweisen: Bei einigen Proben
fanden sich sowohl Erbgut als auch umhüllende Eiweiße von Coxsackie-Viren,
in acht weiteren Proben das Erbgut des Parvovirus B19. Von Enteroviren
der Coxsackie-Gruppe weiß man, dass sie Herzmuskelentzündungen
und schwerste, mitunter tödliche, Herzrhythmusstörungen hervorrufen
können. Da die virale Myokarditis nach herkömmlicher Diagnostik
erst zwei bis drei Tage nach der Infektion sichtbare Spuren im Gewebe hinterlässt,
die Säuglinge aber offenbar schon im Frühstadium der Entzündung
sterben, ergaben histologische Untersuchungen des Herzmuskels bislang in
der Regel keinen krankhaften Befund.
Solchen validen Studien stehen rein statistische
Analysen gegenüber, deren Wertigkeit mit der Güte der statistischen
"Umgangskultur" steht oder fällt. Ergebnisse aus statistischen Verfahren
gestatten bekanntlich nur mit Einschränkungen kausale Rückschlüsse.
Selbst hochsignifikante Rechenergebnisse können in die Irre
führen, wenn z.B. gewichtige statistische Ladungen unberücksichtigt
oder gar unerkannt bleiben (Langer,P.: Zschr.ärztl.Fortbild. 84 (1990)
S.563). Ehrgeizige Forschungsgruppen scheuten z.B. nicht davor zurück,
die Häufigkeit von Infektionen in Kindertagesstätten mit den
Minutendifferenzen des Frischluftaufenthaltes der Kinder zu korrelieren
und zu interpretieren.
Es gibt auch interessante historische Beispiele
in diesem Zusammenhang. So unterlief den Statistikern Adolf Hitlers
im zweiten Weltkrieg eine verhängnisvolle Fehleinschätzung.
Sie empfahlen dem Diktator die Seeblockade Großbritanniens, da sie
errechnet hatten, die vom Getreideimport abhängige Insel werde allein
aus diesem Grunde in Kürze kapitulieren müssen. Zum Erstaunen
führte die Blockade jedoch nicht zu dem erhofften Ergebnis. Wie sich
herausstellte, hatten die Berater den Umstand übersehen, daß
die Engländer in Friedenszeiten einen bedeutsamen Getreideanteil zu
Bier verarbeiteten. Die Einstellung der Ale-Produktion reichte aus, um
die Blockade zu überstehen.
Ein großer Teil der SIDS-Forschung
basiert auf Fragebogenerhebungen, also ausgesprochen "weichen" Daten mit
allen sich daraus ergebenden Problemen. Es ist unverkennbar, daß
der intellektuelle Erwartungsdruck zu einer Vielzahl von Forschungsansätzen
führte, von denen manche einer kritischen Wertung nicht standhalten
können. Erschwerend kommt hinzu, daß unterschiedliche Definitionen
und Protokolle die internationale Vergleichbarkeit erschweren.
Es bedurfte zum Teil abenteuerlicher Hypothesen,
um den häufig in Widerspruch zum bisherigen Wissen stehenden Ergebnissen
ein leidlich akzeptables theoretisches Gerippe zu verleihen. Dies gilt
zum Beispiel für die Vorstellung, daß die Rückenlage im
Schlaf gegenüber der früher bevorzugten Seitenlage eine besondere
Schutzfunktion habe. Während die Ablehnung der Bauchlage auch ohne
wissenschaftlichen Beleg einer rationalen Erwartung entgegenkommt, fällt
die theoretische Begründung für die Vorzüge der Rücken-
gegenüber der Seitenlage schon äußerst mager aus. Angesichts
der geschilderten Gefahrenkulisse hat jedoch die Empfehlung einer generellen
Rückenlagerung der Säuglinge die gewünschte Beachtung gefunden.
Bei vielen Eltern wurden allerdings Verunsicherungen geweckt.
Erfolgsmeldungen bei der Senkung der SID-Fälle
müssen auch künftig kritisch hinterfragt werden.
Irritierend war z.B. die Mitteilung,
daß "regelmäßiges Schnullerlutschen" nach insgesamt vier
Studien der "SIDS- Alliance" das Risiko für SID angeblich um die Hälfte
senke. Wie der Schnuller die Säuglinge schütze, blieb allerdings
unklar. Möglich sei, dass ein Kind mit "Trösterle" im Mund
sich nicht auf das Gesicht legt oder mit Mund und Nase unter die Decke
gerät, vermuten Berliner Pädiater. Vielleicht beruhige das Saugen
am Schnuller die Kinder auch so sehr, dass sie sich seltener bewegen und
so auch weniger Gefahr laufen, unter die Bettdecke zu rutschen. Zudem könnten
Stimulation von Muskulatur oder Speichelbildung eine Rolle spielen, indem
sie die Fähigkeit unterstützen, schneller aus dem Tiefschlaf
zu erwachen", schrieben die Kollegen in der Zeitschrift 'Pädiatrische
Praxis'. Es ist immer wieder erstaunlich, daß bei fragwürdigen
Studienergebnissen eher die waghalsigsten Hilfshypothesen herhalten müssen,
bevor etwa ein neuer Arbeitsansatz zur Diskussion gestellt wird.
Der Umgang mit statistischem Material,
so kann man zusammenfassend vermuten, wird weiterhin ein ungelöstes
Problem bleiben, und sicherlich werden noch einige
Mediziner-Generationen ihre Promotionsthemen aus diesem Bereich beziehen.
11.03.04
-pl- |