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Die Inflation funktioneller Therapien im Kindesalter
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  "Zu zwei Dritteln verzichtbar" 
 Wäre er nicht 62 Jahre alt und stünde knapp vor dem Ende seiner beruflichen Laufbahn, hätte er die Artikel “zurückhaltender" verfasst, gibt Prof.Hans Georg SCHLACK zu. Aber so zieht der Leiter des Kindemeurologischen Zentrums in Bonn in Fachzeitschriften über die “Inflation funktioneller Therapien im Kindesalter" in einer Weise vom Leder, die wie eine Abrechnung mit manchen Logopäden, Heilpädagogen, Ergo- und anderen Therapeuten klingt. Häufige “Fehlinterpretationen" kindlicher Entwicklungsstörungen mündeten in “Behandlungsmethoden, die oft eine bemerkenswerte Mischung von Esoterik und neurophysiologischen Versatzstücken" böten, schreibt Schlack. 
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Gegenüber FOCUS präzisierte der Professor: Jedes vierte Kind in Deutschland erfahre bis zum Alter von acht Jahren eine oder mehrere Therapien, auch wenn kein Geburtsschaden wie etwa spastische Lähmung vorliege. “Fachlich rechtfertigen ließe sich das bei nur acht bis - wenn man die umstrittene Diagnose Hyperaktivität einschließt - zehn Prozent."  Bis zu zwei Drittel der Maßnahmen gegen Sprach- und Sprech-, Bewegungs- und die von Schlack als besonders beliebige Diagnose angesehenen “Wahrnehmungsstörungen" wären folglich überflüssig. Krankenkassen und Sozialhilfeträger koste das jährlich mehr als eine  Milliarde Mark, schätzt der Arzt und erzählt von Therapeuten, die richtiggehend Werbetouren durch Kindergärten und Schulen unternähmen.
Angesichts der Schärfe der Kritik klingen die Reaktionen aus der Therapeutenszene sanft.
 Reinhild Ferber, Vorsitzende des Berufsverbands von rund 12000 Ergotherapeuten in Deutschland, beteuert, ihre Mitglieder hätten es gar nicht nötig, Kundschaft zu akquirieren. “Normalerweise" seien die Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz lang genug. Hubertus
von Voss, als Leiter des Kinderzentrums München so etwas wie eine graue Eminenz, räumt ein, es bedürfe besserer wissenschaftlicher Studien, “um dem Patienten zu ersparen, von Therapie zu Therapie geschleift zu werden".
“Manche Dinge muss man zu Ende denken", gibt Schlack als sein Motto aus. Und so ortet der Kinderarzt als Hauptverantwortlichen des Therapie-Booms solche Eltern, die in ihrem Ehrgeiz übersähen, dass eine “Entwicklungsstörung manchmal vorübergehender Art ist".
Gleichzeitig nähmen Mütter und Väter ihrem Nachwuchs oft die Möglichkeit, durch eigene, spontane Erfahrungen Rückstände aufzuholen. Zu ihren Fehlern gehöre, dass sie Bewegungsmangel dulden oder gar fördern, die Kinder “medial überfüttern" oder mit Spielzeug versorgen, “das keinen Raum lässt für Phantasie und Kreativität".
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Ähnlich klar äußerte sich Prof.Spranger:
Der Direktor der Universitäts-Kinderklinik Mainz kommentierte eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, die sich mit motorischen Leistungsstörungen beschäftigten: So berichtet jedes fünfte finnische Elternpaar über Verhaltensmuster, welche Kinderpsychiater
als krankhaft einstufen. Andererseits beschreibt eine Kontroll-Studie,  daß bestimmte motorische Defizite auch durch Physiotherapie nicht ausgeglichen wurden, und jene Kinder Mannschaftssport mieden und Einzelsportarten wie Schwimmen oder Bogenschießen bevozugten. 
Andere Studien diagnostizieren bei 7% aller Kinder ein Hyperaktivitäts-Syndrom und behandeln dreiviertel dieser Kinder mit Ritalin. In den USA erhalten regional 1% aller Vorschulkinder Ritalin. 
Professor Spranger stellt mit Recht die Frage, ob tatsächlich diese Kinder oder nicht vielmehr die Gesellschaft gestört ist , welche derartigen Normierungszwängen folgt. 
"Ich finde es jedenfalls als normal, daß es sehr lebhafte und daß es motorisch weniger geschickte Kinder gibt, die lieber schwimmen gehen als in einer Mannschaft frustriert zu werden. Ich finde es auch normal, daß Menschen überhaupt keinen Sport treiben.." so der Professor.
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Zum gleichen Thema schrieb Dr.Alexander Rösiger in unserer Verbandszeitschrift:
"Es verdichtet sich bei mir der Verdacht zur Gewißheit, dass in Deutschland kaum noch ein Kind zu Hause laufen lernt - das macht es beim Krankengymnasten, seine Muttersprache lernt es beim Logopäden und das "richtige" Spielen beim Ergotherapeuten. Es ist mir nur zu erklärlich, dass in den Gassen, auf den Wiesen und an den Bächen Deutschlands keine Kinder mehr spielen. Das kommt davon, dass sich 50% jedes Geburtsjahrganges beim Therapeuten aufhalten müssen, und statt Eltern haben diese armen Kreaturen nur noch Chauffeure, die mit ihnen von Termin zu Termin hasten. In meinen Augen hat das Elternhaus die biologische Pflicht, die Kinder zu erziehen und lebenstüchtig zu machen. Nur in dieser Nestwärme kann ein Kind gedeihen."