.
Es war zeitiges Frühjahr und
noch sehr kalt, als die fünfjährige Simone an Masern erkrankte.
Innerhalb weniger Stunden verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Hohes
Fieber belastete den kleinen Körper, Simone wurde lethargisch und
musste stationär behandelt werden. 48 Stunden später kämpften
die Ärzte in der ostdeutschen Provinz mit zusätzlichen Komplikationen:
Eine beginnende Hirnentzündung ließ sich nicht mehr beherrschen,
der ganze Körper des Kindes war von Flecken übersät. Drei
Tage nach dem Ausbruch der Krankheit starb Simone. Die Immunabwehr des
bis dahin völlig gesunden Mädchens war nicht mehr in der Lage,
die Infektion des Gehirns und der Lunge unter Kontrolle zu bringen. Das
war 1968. Zwei Jahre später wurde die Masernimpfung in der DDR flächendeckend
eingeführt - seit 1973 wird sie auch in der Bundesrepublik empfohlen.
Dennoch sterben auch heute noch Menschen an dieser meldepflichtigen Infektionskrankheit.
Fanatische Impfgegner kämpfen gleichzeitig gegen jede Form der Impfung
und behaupten, dass Masern und Keuchhusten harmlose und "nützliche"
Kinderkrankheiten seien und Impfungen großen Schaden anrichten würden.
Strafgerichte Gottes
Der Mensch ist vergesslich, und
das ist wahrscheinlich auch gut so. Traumatische Erlebnisse verdrängt
er im Laufe der Zeit. Der Mensch muss vergessen, um überleben zu können,
um handlungsfähig zu bleiben. Doch das kollektive Gedächtnis
scheint inzwischen auch in Angelegenheiten zu versagen, bei denen es besser
wäre, sich gut zu erinnern. Vielleicht liegt es daran, dass die Zahl
der Menschen, die Hunger, Krieg und Seuchen noch selbst erlebt und überlebt
haben, unaufhaltsam kleiner wird und wir kaum noch Erfahrungen aus erster
Hand vermittelt bekommen. Vielleicht sollten wir noch einmal genau zuhören,
wenn die Großeltern uns berichten von den Ängsten, die sie selbst
als junge Eltern hatten, von den zwei Kindern, die es in der sechsköpfigen
Familie nicht schafften und von der Normalität des Sterbens und Verkrüppelns
- nicht nur im hohen Alter. Es ist noch keine hundert Jahre her, da löschte
die so genannte "Spanische Grippe", die ihren Ursprung allerdings vermutlich
in den USA hatte, weltweit innerhalb von wenigen Wochen das Leben von rund
20 Millionen Menschen aus - allein in Deutschland erkrankten 1918 rund
10 Millionen, von denen fast 250.000 starben. Die Mediziner konnten nur
mehr oder weniger tatenlos zusehen, bis die Epidemie 1919 wie von Geisterhand
wieder verschwand. Heute noch sterben jährlich einige Tausend nicht
geimpfte, meist ältere Menschen an den Folgen der Virusgrippe (Influenza),
obwohl in jedem Herbst wirksame Impfstoffe für die aktuellen Varianten
des Grippe-Virus zur Verfügung stehen.
Seuchen galten in vergangenen Jahrhunderten
als göttliche Strafgerichte. Die Kenntnis von den Erregern und den
Infektionswegen verdanken wir hauptsächlich der Forscherleistung der
letzten reichlich hundert Jahre. Seit Robert Koch Ende des 19. Jahrhunderts
mit der Entdeckung der Milzbrand-, Cholera- und Tuberkelbazillen den Anfang
machte, war der Weg für wirksame Behandlungen und vor allem Vorbeugung
bereitet. Der damals aufkeimende Optimismus erlebte seinen Höhepunkt
nach dem Zweiten Weltkrieg, als Massenimpfungen in den Industriestaaten
rasante Erfolge verzeichneten. Ende der dreißiger Jahre starben in
Deutschland noch pro Jahr rund 2500 Kinder bis zehn Jahren an Keuchhusten.
An Diphtherie starben zu dieser Zeit jährlich fast 5500 Menschen.
1950 erkrankten in der Bundesrepublik noch rund einhundert von 100.000
Menschen an dieser gefährlichen Atemwegskrankheit. Nach den Impfaktionen
bis zum Jahr 1962 gingen die Erkrankungen auf unter zwei pro 100.000 Einwohner
zurück. Seit 1995 traten keine dokumentierten Fälle von Diphtherie
mehr in Deutschland auf.
Es liegt wohl auch in der Natur
des Menschen, dass ihn seine Erfolge überheblich machen, und so stellten
sich Visionen vom baldigen Ende aller Infektionskrankheiten schnell als
gefährlich naive Utopie heraus. Die Medizin musste harte Rückschläge
einstecken. Das Auftauchen neuer, bisher unbekannter Virusarten, wie dem
HIV, das binnen weniger Jahre eine weltweite Epidemie auslösen konnte,
zeigt den Forschern bis heute ihre Grenzen auf.
Menschenfreundliche Heilpraktiker
Ungeachtet dieser Entwicklungen
leben wir heute unter Bedingungen, die den Menschen noch vor hundert Jahren
geradezu paradiesisch erschienen wären. Der seit Jahrzehnten wachsende
Wohlstand und ein trotz aller Missstände hochmodernes und effektives
Gesundheitswesen lässt uns bei steigender Lebensqualität immer
älter werden. Unsere Lebensmittel sind, auch wenn sie noch so industriell
hergestellt sein mögen und trotz aller ökologisch-ideologischer
Unkenrufe, in ihrer Qualität und Sauberkeit der durchschnittlichen
Vor- und Nachkriegskost weit überlegen. Niemals in der Menschheitsgeschichte
konnten wir uns so gesund und ausgewogen ernähren wie heute - auch
ohne das staatlich verordnete Biosiegel. Unsere Kinder wachsen schneller,
und die Menschen sind im Durchschnitt größer und gesünder
als noch vor wenigen Jahrzehnten. Nicht zu vergessen ist, dass unzählige
Mitmenschen heute nicht mehr unter uns weilen würden, wenn es die
gern als "Apparatemedizin" geschmähte Intensivmedizin nicht gäbe.
Zahllose Eltern müssten ohne die enormen Fortschritte in der Medizin
auf das Glück ihres heranwachsenden Nachwuchses verzichten, denn noch
vor wenigen Generationen wurden jährlich zigtausend Kinder von heute
gut behandelbaren oder inzwischen fast ausgerotteten Krankheiten dahingerafft.
Unter Umständen notwendige
Kritik am Gesundheitswesen verkommt zum medial inszenierten Spektakel,
das immer eine hohe Einschaltquote oder Auflage verspricht. Einzelne Kassenbetrügereien
werden als symptomatisch für die Abgehobenheit der "Götter in
Weiß" gegeißelt, und wenn das Klischee vom pharmakonzerngesponserten
Abzocker nicht greift, ist es eben das Schreckgespenst der so genannten
"Schulmedizin" an sich. Der Arzt, der skrupellos und ohne Hemmungen bei
jedem Schnupfen Antibiotika verschreibt, ohne dem Patienten zuzuhören,
ist im täglichen Leben ein häufig kolportiertes Argument für
den Wechsel zum "menschenfreundlichen" Heilpraktiker geworden. Jeder Reiki-Lehrer
darf sich in diesem Land "Heiler" nennen und ahnungslose Patienten unter
Umständen von einer dringend notwendigen ärztlichen Behandlung
abhalten, bis es mitunter zu spät ist. Gerade eine nicht fachgerecht
durchgeführte Anamnese im Anfangsstadium einer lebensbedrohlichen
Krankheit kann tödliche Folgen haben. Die Zahl der Opfer solcher Praktiken,
besonders unter Krebspatienten, wird wohl dauerhaft im Dunkeln bleiben.
Denn kaum haben Gesundheit und Wohlergehen
als alltägliche Selbstverständlichkeiten in den Köpfen und
Herzen der Menschen ihren Platz eingenommen, steht auch schon die Clique
der aus natürlichen Ängsten der Menschen schmarotzenden Unheilsboten
aller Couleur parat, um den eigentlich gebildeten Bürger eines Schlechteren
zu belehren. Praxen von Heilpraktikern ohne solide medizinische Ausbildung
schießen wie Pilze aus dem Boden, und als ginge es den gesetzlichen
Kassen nicht schon schlecht genug, zielt das neue Heilpraktikergesetz der
Bundesregierung darauf ab, diese in Honorierung und Status den ausgebildeten
Medizinern gleichzustellen. Weltweit wohl einmalige Sonderregelungen im
Arzneimittelgesetz der Bundesrepublik erlauben es den Herstellern einschlägiger
Alternativpräparate, vollkommen unwirksame oder niemals in einer einzigen
wissenschaftlichen Studie für wirksam befundene Tinkturen, Wässerchen
oder anthroposophische Schwermetallpräparate über Apotheken zu
vertreiben oder in einschlägigen Krankenhäusern zu verabreichen.
Das europäische Recht hebelt diese Praxis zwar langsam aus - im Jahr
2001 wurden allein 3000 Präparate mit nicht geprüften Wirkstoffen
aus dem Verkehr gezogen -, aber noch immer stehen reihenweise Pseudoarzneimittel
in den Regalen der Apotheken, für die nie eine eigentlich erforderliche
Wirksamkeitsstudie vorlag.
Botschafterinnen der Hausgeburt
In Deutschland ist so etwas möglich.
Eine Nebenwelt aus Esoterikern, ideologischen Fanatikern und Profiteuren
hat sich da aufgetan, die nicht nur wissenschaftliche und ethische Grundprinzipien
außer Kraft setzt, sondern über eine massive Medienpräsenz
die verunsicherten und leichtgläubigen Menschen zu erreichen trachtet.
Mit den Schlagwörtern "natürlich", "sanft" und "alternativ" versucht
man, den frustrierten Wohlstandsbürger zuerst zu verunsichern und
anschließend zur Kasse zu bitten. Gerade das Fernsehen trägt
zu dieser Entwicklung massiv bei. Nachdem Fernsehpfarrer Fliege am Nachmittag
die Vorzüge der "Anthroposophischen Medizin" widerspruchslos präsentieren
darf, wofür er noch das Lob der Anthroposophischen Gesellschaft erntet,
schildern öffentlich-rechtliche oder private Magazine am Abend den
neuesten Skandal in einem Vorort-Krankenhaus, kolportieren ungeprüft
die aufgebrachten Berichte der Betroffenen und verurteilen die Ärzteschaft
schneller, als jeder Staatsanwalt einen Aktenordner öffnen könnte.
Am Morgen dann palavert ein "Gesundheitsexperte" und Nichtmediziner im
Morgenmagazin über die vorzüglichen Wirkungen naturheilkundlicher
Scharlatanerie.
Verunsichert sind naturgemäß
vor allem junge Menschen, die zum ersten Mal Eltern werden. Wie wird man
mit den neuen Lebensumständen fertig, was ist gut und richtig für
unser Kind? Diese Fragen sind normal und wichtig. Die unüberschaubare
Fülle an Ratschlagewerken, Sendungen und Internetpräsenzen macht
es den werdenden Müttern und Vätern nicht gerade einfach. Ganz
schnell gerät man besonders im Internet in Foren, die sich ausschließlich
mit diesen Fragen beschäftigen, wie zum Beispiel das Familienportal
"urbia.de". Unter zahlreichen Themenkomplexen kann man jede erdenkliche
Frage zu allen Problemen der Schwangerschaft, der Geburt und des Elterndaseins
stellen. Und meistens erhält man schon nach wenigen Stunden zahlreiche
Tipps und Informationen von Müttern, Hebammen und selbst ernannten
BotschafterInnen der Hausgeburt. Aber kaum ein Thema schwappt mit derart
stoischer Regelmäßigkeit und der vollen Wucht des ideologischen
Kampfes durch Foren dieser Art wie das Thema Impfen.
"Impfen verursacht Krebs und Aids"
Eine Riege überzeugter und
offensichtlich verblendeter Mütter und Väter, die auch noch glaubt,
besonders gut aufgeklärt zu sein, kämpft dort eine Schlacht im
Namen einiger weniger, aber zunehmend lautstark agierender Drahtzieher.
Die so genannten Impfgegner sind nicht unbedingt besorgte Menschen, die
kritisch die eine oder andere Impfung hinterfragen oder sich sachlich mit
der Thematik auseinander setzen. In unglaublicher Sorglosigkeit werden
in diesen Kreisen Impfungen als die Geißel der Menschheit schlechthin
bezeichnet. Kaum ein gesundheitlicher Missstand, der nicht auf das Impfen
zurückgeführt wird: Hirnschäden, Krebs, Aids, Anfälligkeit
für Infektionskrankheiten, Schwächung des Immunsystems und alle
möglichen Allergien sind nur ein Auszug des Schreckensregisters der
Impfgegner. Eingebettet ist diese Verbohrtheit in eine fundamentale Feindschaft
gegenüber der Medizin und der naturwissenschaftlichen Forschung. Sogar
der angebliche gesellschaftliche Verfall wird hin und wieder als direkte
Folge der Massenimpfungen erklärt.
Vermehrt stehen Eltern, aber auch
einige Ärzte auf dem Standpunkt, dass das Risiko einer Erkrankung
wesentlich geringer sei als das Risiko des Erleidens eines Impfschadens.
Dass die Geschichte des Impfens immer auch mit Misserfolgen und Fehleinschätzungen
verbunden war, ist keine Erfindung von Impfgegnern. Ohne Zweifel: Impfstoffe
haben Nebenwirkungen, so wie alle "wirksamen" Medikamente. Die Schluckimpfung
gegen Kinderlähmung führte früher bei rund einem von einer
halben Million Impflingen zu Lähmungserscheinungen. Ursache war eine
Rückmutation des Impfvirus zum Wildvirus. Die Impfung war dennoch
sinnvoll, weil noch 1952 in der Bundesrepublik rund 21.000 Menschen an
Kinderlähmung erkrankten. 1960, im Jahr vor Beginn des Impfprogramms,
waren es noch mehrere tausend Erkrankungen, bis dann ab 1961 nahezu keine
Neuerkrankungen mehr auftraten. Inzwischen wird ein Spritzimpfstoff eingesetzt,
der keinerlei Gefahr einer Schädigung des Impflings mehr darstellt.
Auch der "alte" Impfstoff gegen
Keuchhusten war tatsächlich ausgesprochen unverträglich - insbesondere
hohes Fieber wurde häufig beobachtet. Hirnschäden, wie Mitte
der 70er-Jahre und von einigen bis heute behauptet, hat er dennoch nicht
verursacht. Der neue Keuchhusten-Impfstoff ist deutlich besser verträglich
und diesbezüglich mit dem "alten Produkt" überhaupt nicht mehr
zu vergleichen. Keuchhusten dagegen war und ist eine oftmals dramatisch
verlaufende und mitunter tödliche Kinderkrankheit, die wegen impfmüder
Eltern heute wieder verstärkt zu beobachten ist. Der Nutzen von Massenimpfungen
war insgesamt immer wesentlich größer als das Risiko, einen
ernsthaften Impfschaden zu erleiden. Dazu kommt, dass die heutigen Impfstoffe
in ihrer Qualität und Zusammensetzung nicht mehr mit den Produkten
von vor 50 Jahren zu vergleichen sind.
Diese Tatsachen zu kennen ist sehr
wichtig, wenn man sich mit den Argumenten der Impfgegnerszene auseinander
setzen will. Wichtig ist auch zu wissen, dass Masern eine sehr schwere
Erkrankung im Kindesalter darstellen, die unbehandelt zu Lungen- und Hirnentzündung
führen kann und bis heute in rund einem von 1500 Fällen tödlich
endet. Zwischen 1938 und 1939 starben in Deutschland noch rund 1500 Kinder
an Masern - die meisten in den ersten fünf Lebensjahren. Bis heute
sind Tod oder schwere bleibende Hirnschäden durchaus realistische
mögliche Folgen dieser hochansteckenden Erkrankung. Nicht zu vergessen
ist auch das schmerzhafte und lang andauernde Leiden bei dieser Erkrankung,
das Eltern ihrem Kind ersparen sollten.
Russisches Roulette
Glaubt man aber den zahlreichen
Ammenmärchen, dann sind Kinderkrankheiten wie die Masern harmlos und
sollten sogar durchaus auftreten, um das Kind stark und immun zu machen.
Legendär sind inzwischen die so genannten "Masern-Parties", bei denen
ein an Masern infiziertes Kind mit einem Schlag alle anderen anwesenden
Kinder der wohlmeinenden Eltern anstecken soll - mit voller Absicht! Ob
dieses "Russische Roulette" nicht vorsätzliche Körperverletzung
ist, müssten Juristen entscheiden. Auffallend aber ist die Doppelmoral,
nach der die "Schulmedizin" einerseits wegen ihrer "Härte" abgelehnt
und "sanfte Medizin" propagiert wird, andererseits aber der potenzielle
Tod oder die Schädigung eines Kindes in Kauf genommen wird. Es bleibt
dem nicht-juristischen Fachmann jedenfalls ein Geheimnis, weswegen Todesfälle
an einer impfpräventablen Krankheit in Deutschland nicht strafrechtlich
verfolgt werden. Das Verfahren gegen einen naturheilkundlich arbeitenden
Kinderarzt aus Schleswig-Holstein, der Impfungen offensiv ablehnt und damit
seine Aufklärungspflicht eklatant missachtet, wurde ohne Nennung von
Gründen eingestellt. Ausgelöst wurden die Ermittlungen und die
eingeholten Gutachten durch zwei Erkrankungsfälle und einen Todesfall
durch das Haemophilus Influenza Typ B Virus (HiB) unter seinen jungen Patienten.
Seit 1991 existiert ein wirksamer Impfschutz vor dieser Krankheit, die
in zehn Prozent der Fälle tödlich endet und an der vor 1991 noch
rund 1600 Menschen pro Jahr erkrankten.
Impfen scheint nicht "in" zu sein.
Die Durchimpfungsrate für MMR (Masern, Mumps, Röteln) im Kindesalter
beträgt in Deutschland nur rund siebzig Prozent. Dagegen stehen rund
fünfundachtzig Prozent Durchimpfung gegen DTP (Diphtherie, Tetanus,
Pertussis/Keuchhusten), was auf die große Angst vor Tetanus zurückzuführen
ist, obwohl der Wundstarrkrampf auch ohne Impfung eine vergleichsweise
sehr seltene Krankheit ist, die nicht von Mensch zu Mensch übertragen
werden kann.
Die Übertragbarkeit von Mensch
zu Mensch ist entscheidend für die große Mehrzahl der impfpräventablen
Krankheiten. Das Maß hierfür ist die Basisreproduktionsrate
R0. Dieser Wert liegt bei infektiösen Krankheiten wie Masern und Keuchhusten
zwischen 15 und 17, was bedeutet, dass bei Null Prozent Durchimpfung ein
Erkrankter durchschnittlich bis zu 17 Personen infiziert. Tritt dieser
ungünstigste Fall ein, spricht man von einer Epidemie. Erst bei 92
bis 95 Prozent Durchimpfung wird ein R0-Wert kleiner Eins erreicht, was
heißt, dass die Zahl der Neuinfektionen stetig abnimmt und die Krankheit
nach und nach eliminiert wird. Die Rate von 70 Prozent bei Masernimpfungen
ist demzufolge nicht annähernd ausreichend, um Epidemien wie vor einigen
Monaten in Coburg zu verhindern. Kennt man diese einfachen Zusammenhänge,
braucht man auch keine hellseherischen Fähigkeiten, um festzustellen,
dass es in Westdeutschland immer Masern-Epidemien gegeben hat und dass
es sie auch künftig geben wird. Neu ist, dass diese Epidemien jetzt
durch die Bestimmungen des neuen Infektionsschutzgesetzes erstmals einer
breiten Öffentlichkeit bekannt werden.
Esoterischer Sumpf
Nach und nach hat sich in unserer
Gesellschaft das Zerrbild einer angeblichen wissenschaftlichen Gleichberechtigung
von Medizin und so genannten alternativen Heilverfahren breit gemacht.
Dass es sich bei den meisten alternativen Verfahren um Paramedizin handelt,
um Verfahren, die durch keine Studie als signifikant wirksam befunden wurden,
wird selten erwähnt. Besonderen Stellenwert erlangten in den letzten
Jahren wieder die Homöopathie nach Samuel Hahnemann (1755-1843) und
die anthroposophische "Medizin", die auf den Erkenntnissen von Rudolf Steiners
Partnerin Anna Eunike beruht.
Besonders aus diesem esoterischen
Sumpf rekrutieren sich paramedizinisch agierende Impfgegner, aber auch
Ärzte, die wiederum ihre ideologisch dispositionierten Patienten in
diese Richtung beeinflussen. Glaubt man einer wichtigen Umfrage von 1998
zur Impfkritik unter 219 ärztlichen und klassischen Homöopathen
und 281 schulmedizinisch arbeitenden Ärzten, so finden sich unter
den Ärzten, die eine Impfung stark ablehnen, mit 47,3 Prozent gehäuft
die so genannten "orthodoxen klassischen Homöopathen". Ärztliche
Homöopathen lehnten nur in 24,5 Prozent die Impfungen strikt ab, während
Schulmediziner nur in 6 Prozent eine starke Impfabneigung hatten. Pikant
an dieser Umfrage ist jedoch das eigene Impfverhalten der Homöopathen.
94,5 Prozent der Schulmediziner und 55,8 Prozent der Homöopathen waren
selbst in den letzten zehn Jahren einmal geimpft worden. Hatten die Mediziner
selbst minderjährige Kinder, so war der Anteil geimpfter Kinder mit
85,5 Prozent (Homöopathen) bzw. 98,1 Prozent (Schulmediziner) sehr
hoch. Diese Umfrage zeigt aber auch deutlich, dass nicht alle deutschen
ärztlichen Homöopathen automatisch Impfgegner sind, wie schon
1996 Sieglinde Schulz, die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer
Ärzte (DZVhÄ), betonte.
Gesellschaftliche Verpflichtung
Dass mit den Impfungen das große
Geld zu machen ist und die Pharmafirmen aus reiner Profitgier die Impfung
propagieren, wie die Impfgegner als ein Standardargument ins Feld führen,
muss angesichts immens hoher Entwicklungskosten bezweifelt werden. Natürlich
muss ein Pharmaunternehmen Geld verdienen, doch die Entwicklung eines Impfstoffes
zählt mittlerweile zu den Hochrisiko-Investitionen. Die Firma Wyeth
Lederle musste erst kürzlich einen neuen Impfstoff gegen Durchfall
durch Rotaviren wieder vom Markt nehmen. Mehrere 100 Millionen US-Dollar
an Entwicklungskosten waren damit verloren. Was wäre, wenn einer der
großen Impfstoffhersteller Konkurs anmelden müsste und mit ihm
die entsprechende Produktionskapazität ausfiele? Angesichts aktueller
Bedrohungsszenarien gewinnt dieses Problem zusätzlich an Brisanz.
Doch auch ohne diese Gefahr wären enorme Zusatzkosten für unser
Gesundheitssystem die Folge: Alleine die neuen Keuchhusten-Impfstoffe sparen
dem Beitragszahler in Deutschland mehr als 200 Millionen Euro an Krankheitskosten
jedes Jahr. Dagegen steht ein Arzthonorar von teilweise nur sechs Euro
für die Impfung gegen sechs Krankheiten, inklusive Aufklärungsgespräch
über die Wirksamkeit der Impfstoffe, Nebenwirkungen und mögliche
Komplikationen.
Impfen ist nicht nur eine private,
sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Nur eine hohe Durchimpfungsrate
garantiert eine hinreichende Sicherheit aller Bürger vor Epidemien
gefährlicher Krankheiten, besonders im Kindesalter. Dazu ist es notwendig,
dass die Bundesländer ihre Pflicht zur Aufklärung der Bevölkerung,
wie im Infektionsschutzgesetz gefordert, ernst nehmen. Mit mehr oder weniger
beiläufigen Faltblattkampagnen erreicht man die Menschen offensichtlich
nicht genügend. Offensiv muss über die Pseudoargumente der ideologisch
vermauerten Impfgegner diskutiert werden. Ärzte sind stärker
in die Pflicht zu nehmen. Dazu gehört aber auch, dass sich vor allem
Kinderärzte genügend Zeit nehmen können, um die Eltern ihrer
Patienten aufzuklären und zum Impfen zu ermutigen. Es ist fraglich,
ob die Krankenkassen in Zukunft in der Lage sein werden, die Kosten dafür
zu übernehmen, wenn sie gleichzeitig die alten und neu auf den Markt
drängenden Pseudomediziner mitfinanzieren sollen. Die Bundesregierung
sollte sich klar darüber sein, dass sie mit dem geplanten Gesetz diejenigen
Kräfte massiv unterstützt, die nachweislich offensiv gegen das
Impfen argumentieren, und somit einer Gesundheitspolitik, die diesen Namen
auch verdient, einen Bärendienst erweist.
Eltern wie die von Simone fühlen
sich durch die Argumente der Impfgegner verhöhnt. Ihr einziges Kind
starb, weil es damals keinen wirksamen Schutz vor der für ihre Tochter
tödlichen Krankheit gab. Genauso geht es wahrscheinlich den vielen
Eltern in unserem Land, deren Kinder heute an den schweren Folgen solcher
Erkrankungen leiden. Wir sollten genauer zuhören, wenn Menschen von
Zeiten berichten, in denen der Tod im Kindesalter noch zum Alltag gehörte.
Vielleicht werden wir uns dann wieder bewusst, in welcher Sicherheit unsere
Kinder heute heranwachsen können - eine Sicherheit, die aber nicht
umsonst zu haben ist.
Dr. agr. Peter Treue ist Naturwissenschaftler
und arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist. In Novo58/59 ist vom ihm
zuletzt "Wenn der Mond auf den Hintern scheint" über Ökolandbau
und die politische Renaissance der Anthroposophie erschienen.
|