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Hat Recht, wer heilt ?
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Scheinbar ist das Vertrauen in alles, was sich Wissenschaft nennt, verloren gegangen. Statt dessen setzt man lieber auf alternative, "ganzheitliche" Methoden, auf Homöopathie zum Beispiel oder anthroposophische Medizin. Unsere Kinder lassen wir nicht mehr impfen, obwohl das vernünftig und sicher wäre, denn wir haben gehört, dass die Schulmedizin unvorhersehbare Nebenwirkungen haben kann. Der schulmedizinisch orientierte Arzt findet sich zumindest in der veröffentlichten Meinung nicht selten als Vertreter einer fast anrüchigen Organ- Medizin, deren Rückzug dank einer alternativen und 'weichen' Medizin eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sei. 
Solange sich der Mensch nicht existentiell bedroht fühlt, tritt an die Stelle von Vertrauen in die ärztliche Kunst das Streben nach "kritischer Selbstbestimmung". Jeden Tag sind Zeitungen, Internet und die übrigen Medien voll guter Ratschläge. Warum also sollte wir immer "bei Grün" über die Kreuzung gehen, versuchen wir es mal "bei Rot". Warum Impfungen, versuchen wir es doch mal ohne. 

Was ist los mit unserer Gesellschaft?
Wir hören täglich vom Massensterben in der Dritten Welt, einem Sterben, das auch dem Fehlen einer wissenschaftlichen Medizin mit ihren modernen Medikamenten anzulasten ist. 
In der westlichen Welt dagegen leben wir heute gesünder, als es unsere Vorfahren je waren, und wir leben erheblich länger als selbst die Generation vor uns. Von tausend Säuglingen sterben heute nur sechs kurz nach der Geburt; vor hundert Jahren waren es noch 150. Selbst noch Ende der 50er-Jahre starben viermal so viele Kinder innerhalb des ersten Lebensjahres wie heute. 
Zwar hört man viel Negatives über Gentechnik und Gift im Essen; Tatsache aber ist, dass unsere Nahrungsmittel heute so nahrhaft sind wie nie zuvor - und auch sicherer, als sie es je waren. 
Gifte und gefährliche Keime im Essen, einst die Regel, sind heute seltene Ausnahmen. All dies und eine deutlich verlängerte Lebenserwartung ist nicht zuletzt auf eine erfolgreiche wissenschaftliche Medizin zurückzuführen. Trotz dieser gewachsenen Sicherheit fürchten wir unsere Umwelt mehr denn je. Dort, wo Risiken verschwunden sind, haben wir zahlreiche neue, oft bizarre Gefahrenquellen erfunden.

Wir lassen unsere Kinder nicht mehr ausreichend impfen, weil wir von echten und vermeintlichen Nebenwirkungen der modernen Medizin gehört haben. Allein mit den unreflektierten Vokabeln "Naturheilverfahren" und "ganzheitlich" darf jeder skrupellose Amateur Kasse machen. Eine unüberschaubare Mischung von Wellness und Medizin ist das Gebot der Stunde. Wer Wohlfühlen garantiert, versteht angeblich auch etwas von Medizin. 

Auch Ärzte, politische Entscheidungsträger und geschäftstüchtige Außenseiter sind längst auf diesen Zug  aufgesprungen. Schon heute läßt sich auf jener Schiene schneller und erfolgreicher Geld verdienen, als mit einem traditionellem Medizinstudium. Vor einiger Zeit erfand nicht etwa ein Mediziner, sondern ein cleverer Ingeneur den Beruf des "Praeventologen". Ärzte und Nicht-Ärzte, die einmal  durch den Wald spaziert sind, empfehlen sich ohne tiefer reichende pharmakologische  Kenntnisse als Sachverständige in  "Naturheilverfahren".

Dr. Peter Marsh, Direktor des Social Issues Research Centre in Oxford, hat dazu folgende  Gedanken formuliert: '..Am einfallsreichsten ist bei diesem Umdenken der wohlhabende Teil der Gesellschaft. Diejenigen, die am wenigsten Sorgen haben, sehen in jedem Lebensmittel eine Lebensgefahr - es sei denn, es wird mit äußerster Sorgfalt eingekauft. Jeder Fitness- und Wellness-Welle folgen sie, um sich gegen die Gefahren der Zivilisation zu imprägnieren... Wir sorgen uns um das Versiegen der Ölquellen, fürchten den Treibhauseffekt und wundern uns, dass unsere Kinder immer dicker werden...' 

Vorstellungen vom gesunden Leben haben die alten Religionen abgelöst. Spiritualität bedeutet heute, sich bewusst zu ernähren, auf seinen Körper zu achten und Artifizielles, sei es Medizin oder Technik, zumindest rhetorisch abzulehnen. Und mit Sorge beobachten wir Kinderärzte, welchen Stellenwert inzwischen die Normierung unserer Kinder einnimmt. Die nicht selten irrationale Angst vor Entwicklungsstörungen führt dazu, daß eine Angebots-Flut oft überflüssiger Therapien die Eltern mit ihren Kindern von einer Behandlungsstelle zur anderen treibt, und ein  beträchtlicher Anteil dieser armen Geschöpfe die Muttersprache beim Logopäden und das "richtige" Spielen beim Ergotherapeuten erlernen muß. Man hat bisweilen den Eindruck, daß kaum noch ein Kind zu Hause laufen lernt, das macht es beim Krankengymnasten. Wer findet es noch normal, daß es sehr lebhafte und andererseits motorisch weniger geschickte Kinder gibt, die lieber schwimmen gehen als in einer Mannschaft frustriert zu werden. 
Die Angebotsskala dieser oft überflüssigen, aber kostenintensiven "Therapien" wächst laufend. Es sind hier keineswegs nur Kinderärzte, die solche Behandlungen anschieben. Hebammen, Lehrer, Zahnärzte und Kieferothopäden, Bademeister, Heilpraktiker und gute Bekannte - kurz: viele, oft weltanschaulich geprägte Gruppen sind daran beteiligt, nicht selten in der Erwartung zusätzlicher Geldeinnahmen. 

Dass Gottessuche und gesundheitsbewusste Ernährung häufig miteinander einhergehen, ist Gesellschaftstheoretikern wiederholt aufgefallen. Die Australierin Deborah Lupton schreibt in ihrem Buch 'The Imperative of Health':
"In unserer weltlichen Zeit ist bewusste Ernährung, ist ein prononcierter Lifestyle die Alternative zum Gebet, zum gottesfürchtigen Leben; es ist eine Haltung, die dem Leben und Sterben Sinn verleihen soll. Nicht Gottesfürchtigkeit, sondern Gesundheitsfürchtigkeit ist heute der Maßstab für gute Lebensführung. Gesundheitspolitik und öffentliche Vorsorgeprogramme können demnach verstanden werden als Teil einer moralischen Ordnung der Gesellschaft, denn beide betonen die Bedeutung des ethisch richtigen Umgangs mit dem eigenen Körper."

Immer häufiger suchen uns in der Praxis aber auch die "ängstlichen Gesunden" auf, Menschen, die die Angst vor ihrer Umwelt und die alltäglichen (fast immer unfundierten) Gesundheitswarnungen in seine Praxis treiben. Dazu kommen vermehrt auch Menschen, die fest davon überzeugt sind, sie seien krank, weil sie ein falsches Leben führten, weil sie gegen Ernährungsregeln verstoßen hätten oder sonst nachlässig seien.

Es ist immer schwerer, eine ehrliche Medizin sichtbar und kenntlich zu machen, da ihre erklärten Gegner nicht selten von missionarischem Eifer getragen scheinen. 
Der dümmliche Spruch, daß derjenige Recht habe, der heilt, sollte allerdings nicht mehr benutzt werden. 

-pl-