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Hat Recht, wer heilt ? . |
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Scheinbar ist das Vertrauen in alles, was sich Wissenschaft nennt, verloren gegangen. Statt dessen setzt man lieber auf alternative, "ganzheitliche" Methoden, auf Homöopathie zum Beispiel oder anthroposophische Medizin. Unsere Kinder lassen wir nicht mehr impfen, obwohl das vernünftig und sicher wäre, denn wir haben gehört, dass die Schulmedizin unvorhersehbare Nebenwirkungen haben kann. Der schulmedizinisch orientierte Arzt findet sich zumindest in der veröffentlichten Meinung nicht selten als Vertreter einer fast anrüchigen Organ- Medizin, deren Rückzug dank einer alternativen und 'weichen' Medizin eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sei. Solange sich der Mensch nicht existentiell bedroht fühlt, tritt an die Stelle von Vertrauen in die ärztliche Kunst das Streben nach "kritischer Selbstbestimmung". Jeden Tag sind Zeitungen, Internet und die übrigen Medien voll guter Ratschläge. Warum also sollte wir immer "bei Grün" über die Kreuzung gehen, versuchen wir es mal "bei Rot". Warum Impfungen, versuchen wir es doch mal ohne. Was ist los mit unserer Gesellschaft?
Wir lassen unsere Kinder nicht mehr ausreichend impfen, weil wir von echten und vermeintlichen Nebenwirkungen der modernen Medizin gehört haben. Allein mit den unreflektierten Vokabeln "Naturheilverfahren" und "ganzheitlich" darf jeder skrupellose Amateur Kasse machen. Eine unüberschaubare Mischung von Wellness und Medizin ist das Gebot der Stunde. Wer Wohlfühlen garantiert, versteht angeblich auch etwas von Medizin. Auch Ärzte, politische Entscheidungsträger und geschäftstüchtige Außenseiter sind längst auf diesen Zug aufgesprungen. Schon heute läßt sich auf jener Schiene schneller und erfolgreicher Geld verdienen, als mit einem traditionellem Medizinstudium. Vor einiger Zeit erfand nicht etwa ein Mediziner, sondern ein cleverer Ingeneur den Beruf des "Praeventologen". Ärzte und Nicht-Ärzte, die einmal durch den Wald spaziert sind, empfehlen sich ohne tiefer reichende pharmakologische Kenntnisse als Sachverständige in "Naturheilverfahren". Dr. Peter Marsh, Direktor des Social Issues Research Centre in Oxford, hat dazu folgende Gedanken formuliert: '..Am einfallsreichsten ist bei diesem Umdenken der wohlhabende Teil der Gesellschaft. Diejenigen, die am wenigsten Sorgen haben, sehen in jedem Lebensmittel eine Lebensgefahr - es sei denn, es wird mit äußerster Sorgfalt eingekauft. Jeder Fitness- und Wellness-Welle folgen sie, um sich gegen die Gefahren der Zivilisation zu imprägnieren... Wir sorgen uns um das Versiegen der Ölquellen, fürchten den Treibhauseffekt und wundern uns, dass unsere Kinder immer dicker werden...' Vorstellungen vom gesunden
Leben haben die alten Religionen abgelöst. Spiritualität bedeutet
heute, sich bewusst zu ernähren, auf seinen Körper zu achten
und Artifizielles, sei es Medizin oder Technik, zumindest rhetorisch abzulehnen.
Und mit Sorge beobachten wir Kinderärzte, welchen Stellenwert inzwischen
die Normierung unserer Kinder einnimmt. Die nicht selten irrationale
Angst vor Entwicklungsstörungen führt dazu, daß eine Angebots-Flut
oft überflüssiger Therapien die Eltern mit ihren Kindern
von einer Behandlungsstelle zur anderen treibt, und ein beträchtlicher
Anteil dieser armen Geschöpfe die Muttersprache beim Logopäden
und das "richtige" Spielen beim Ergotherapeuten erlernen muß. Man
hat bisweilen den Eindruck, daß kaum noch ein Kind zu Hause laufen
lernt, das macht es beim Krankengymnasten. Wer findet es noch normal, daß
es sehr lebhafte und andererseits motorisch weniger geschickte Kinder gibt,
die lieber schwimmen gehen als in einer Mannschaft frustriert zu werden.
Dass Gottessuche und gesundheitsbewusste
Ernährung häufig miteinander einhergehen, ist Gesellschaftstheoretikern
wiederholt aufgefallen. Die Australierin Deborah Lupton schreibt
in ihrem Buch 'The Imperative of Health':
Immer häufiger suchen uns in der Praxis aber auch die "ängstlichen Gesunden" auf, Menschen, die die Angst vor ihrer Umwelt und die alltäglichen (fast immer unfundierten) Gesundheitswarnungen in seine Praxis treiben. Dazu kommen vermehrt auch Menschen, die fest davon überzeugt sind, sie seien krank, weil sie ein falsches Leben führten, weil sie gegen Ernährungsregeln verstoßen hätten oder sonst nachlässig seien. Es ist immer schwerer, eine
ehrliche Medizin sichtbar und kenntlich zu machen, da ihre erklärten
Gegner nicht selten von missionarischem Eifer getragen scheinen.
-pl-
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