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Leitlinie Auditive Wahrnehmungsstörung
der Dt.Gesellschaft f. Sozialpädiatrie und Jugendmedizin
Begriffsbestimmung
Der Begriff der auditiven Wahrnehmungsstörung
ist, wie auch die allgemeine Bezeichnung der "Wahrnehmungsstörungen",
unscharf definiert und nicht allgemein anerkannt. Eine auditive Wahrnehmungsstörung
ist als Teilleistungsstörung zu verstehen und wird heute meist als
"zentrale auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung" bezeichnet,
wobeieine enge Beziehung zwischen Perzeption und Kognition besteht. Eine
relative Störung der auditiven Wahrnehmung äußert sich
in einer Beeinträchtigung kommunikativer Funktionen, z.B. der Lautsprache,
der Schriftsprache, dem Verstehen und Umsetzen akustischer Informationen.
Bei den viel häufiger vorkommenden mentalen Entwicklungsstörungen,
z.B. den verschiedenen Schweregraden der Intelligenzminderung und den Lernstörungen
sowie den Störungen der Aufmerksamkeit kann die Überprüfung
der auditiven Wahrnehmung zu auffälligen Ergebnissen führen.
In diesen Fällen sollte aber die übergeordnete Störung als
Diagnose verwendet werden. Bisher ist in der ICD-10-Klassifikation weder
der Begriff der "auditiven Wahrnehmungsstörung" noch der "zentralen
auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung" berücksichtigt.
Es wäre sinnvoll, wenn die Möglichkeit eines Zusatzes "... auf
der Grundlage einer auditiven Wahrnehmungsstörung" bei der Diagnoseklassifikation
von Sprach-, Lese- und Rechtschreibstörungen verwendet werden könnte.
Nach der Literatur wird eine Prävalenz von max. 2-3% bei Kindern nach
dem 6. Lebensjahr angenommen. Als Ursachen für eine auditive Wahrnehmungsstörung
werden genetische Dispositionen und Hirnläsionen verschiedener Genese
diskutiert, z.B. intrauterine Schädigung durch Alkohol, tuberöse
Hirnsklerose, Enzephalitis bei Virusinfektion oder Ischämien unterschiedlicher
Genese. Außerdem sind wiederholte periphere Hörstörungen,
z.B. durch rezidivierende Otitiden, zu berücksichtigen.
Leitsymptome
Eine auditive Wahrnehmungsstörung kann vermutet
werden, wenn Kinder in ihrem Verhalten durch folgende Symptome auffallen:
verminderte Merkfähigkeit akustisch vermittelter
Informationen (Sätze, Reime, Lieder)
häufiges Verwechseln klangähnlicher
Laute (laut- und schriftsprachlich)
übermäßige Lautempfindlichkeit
bei üblichem Umgebungslärm
reduziertes Sprachverständnis bei üblichem
Umgebungslärm (Klassenzimmer, Kindergarten)
reduzierte Aufmerksamkeit bei üblichem Umgebungslärm
mangelnde Lokalisation einer Schallquelle
Diagnostik
Da die betroffenen Kinder in verschiedenen Bereichen,
z.B. der Sprache, dem Verhalten und den schulischen Leistungen auffällig
sein können, empfiehlt sich ein interdisziplinäres diagnostisches
Vorgehen. Grundsätzlich müssen eine normale Intelligenz im non-verbalen
Bereich, normale Aufmerksamkeitsleistungen und ein normales peripheres
Hörvermögen gesichert werden. An erster Stelle steht nach der
ausführlichen Anamnese die klinische Beschreibung der Symptomatik
und die allgemeine entwicklungsneurologische Untersuchung. Bei Hinweisen
auf Entwicklungsstörungen ist immer eine psychologische Testdiagnostik
bzw. Entwicklungsdiagnostik durchzuführen, bei Schulkindern mit Lese-Rechtschreib-Problemen
zusätzlich eine entsprechende Lese-Rechtschreibdiagnostik. In psychologischen
Testverfahren (Kaufman ABC, HAWIK-R) fallen diskrepante Leistungen im Bereich
des akustischen Kurzzeitgedächtnisses, z.B. beim Zahlen- und Wortenachsprechen
auf. In sprachdiagnostischen Verfahren lassen sich Defizite im auditiven
Gedächtnis, der phonematischen Diskriminierung und im Reproduzieren
gehörter Texte und Unsinn-Silben nachweisen (PET, HSET, Mottier-Test).Bisher
gibt es noch keinen Konsens darüber, welche apparativen Untersuchungsmethoden
zur Diagnosestellung am besten geeignet sind. Einzelne pathologische Befunde
reichen nicht aus, um die Diagnose einer auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung
zu stellen. Bisher werden im Vorschulbereich vor allem folgende Methoden
mit Sprachmaterial angewendet:
dichotischer Hörtest nach Uttenweiler und
Berger
Sprache im Störschall, z.B. Göttinger
Sprachverständnistest oder Freiburger Sprachverständlichkeitstest
Wahrnehmungstrennschärfetest nach Warnke.
Von den Methoden, die mit nichtsprachlichen Reizen
arbeiten, kann die in den letzten Jahren entwickelte Bestimmung der Ordnungsschwelle
aufgrund uneinheitlicher Normwerte und einer großen Streubreite der
Meßwerte im Kindesalter nicht als diagnostisches Instrumentarium
empfohlen werden. Weitere Methoden, die auf das Erkennen von Tonfolgen,
Tonhöhen, Unterschieden und Rhythmen basieren, sind noch nicht hinreichend
evaluiert.
Therapie
Folgende Veränderungen der Umwelt können
sich positiv auf die auditive Wahrnehmung auswirken: Eine veränderte
Sitzposition, z.B. weiter vorne im Klassenzimmer mit Blickkontakt zum Lehrer
begünstigt visuelle Kompensationsstrategien. Rücksichtnahme auf
die Besonderheiten des Kindes, eingeschränktes Sprachverständnis
bei erhöhtem Lärmpegel, das Kind sollte direkt angesprochen werden.
Verminderung des Störschalls der Unterrichtsräume, z.B. keine
kahlen Wände, keine großen Fensterfläche ohne Gardinen,
vor allem kleinere Klasse.Eine funktionale Therapie am Kind erfolgt meist
im Rahmen einer logopädischen Behandlung. Diese kann sich je nach
Symptomatik auf folgende Bereiche konzentrieren:
Verbesserung der phonematischen Diskriminierung
Verbesserung der auditiven Gedächtnisleistungen,
z.B. durch Vermittlung und Einüben von Ersatzstrategien
Verbesserung der auditiven Raumorientierung, z.B.
durch Lokalisation von Schallquellen
Verbesserung von sprachlicher Analyse und Syntheseleistung
Diese Übungen können sowohl durch den
Therapeuten als auch durch Benutzung von Tonträgern und Multimedia-Programmen
erfolgen. Ergotherapeutische Maßnahmen im auditiven Bereich sollten
nur in Zusammenarbeit mit einer/einem Logopädin/en erfolgen. Wie bei
jeder funktionalen Behandlung ist eine klare Festlegung von für die
Kinder relevanten Behandlungszielen (Nah- und Fernziele) sowie eine Absprache
zwischen den Eltern, Ärzten und Therapeuten erforderlich. Zusätzlich
werden verschiedene apparative Möglichkeiten zur Unterstützung
der logopädischen Behandlung angeboten. Eine umfassende Evaluation
dieser Methoden ist bisher jedoch noch nicht erfolgt.
Hochtontraining: Hierbei wird durch Filterung
der akustische Input für die Kinder deutlicher und damit leichter
verständlich. Bei phonematischen Differenzierungsproblemen scheint
ein solches Vorgehen sinnvoll. Die Eigenwahrnehmung kann über die
Koppelung mit einem Mikrophon verbessert werden. Studien, die eine Überlegenheit
des Hochtontrainings im Vergleich zu üblichen logopädischen Behandlungsformen
zeigen, sind bisher nicht bekannt.
Lateraltraining: Dabei wird die akustische Information
über Kopfhörer lateralisiert und im Wechsel auf das linke und
das rechte Ohr gespielt. Ein Effekt dieser Methode auf die Laut- oder Schriftsprache
konnte bisher nicht gezeigt werden.
Ordnungsschwellentraining: Hierbei müssen
rasch aufeinander folgende, zufällig seitenwechselnde Klickreize der
jeweiligen Seite zugeordnet werden, auf welcher sie zuerst gehört
wurden. Auch wenn ein Trainingseffekt der Ordnungsschwelle erkennbar ist,
konnte hiermit bisher kein Effekt auf die sprachlichen Leistungen nachgewiesen
werden.
Hörtraining, z.B. nach Tomatis: Hier wird
auf die Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie (2000)
verwiesen. Ebenso wie bei Kindern mit Autismus zeigen die bisher durchgeführten
Studien hiermit keine spezifischen therapeutischen Effekte.
Prävention
Die Fähigkeit, gehörte Laute zu unterscheiden
und zu kategorisieren, ist schon in den ersten Lebensmonaten vorhanden.
Dieser Lernprozeß kann entweder durch eine eingeschränkte periphere
Aufnahme (Innenohrstörung, chronische Otitis media) gestört werden
oder auch durch inadäquate akustische bzw. sprachliche Angebote. Somit
ist neben dem Neugeborenen-Hörscreening auch die regelmäßige
Untersuchung des Hörvermögens bei Säuglingen und Kleinkindern,
vor allem nach einer Otitis media, als eine präventive Maßnahmen
gegen auditive Wahrnehmungsstörungen zu verstehen. Bei der Betreuung
von Säuglingen und Kleinkindern ist die Beratung der Eltern im altersadäquaten
sprachlichen Umgang (Mutter-Kind-Dialog, möglichst im Rahmen sprachbegleiteter
Tätigkeiten) und die Vermeidung von Lärmbelastungen (Walkman
usw.) vordringlich.
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