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Wie verstrickt waren Mitarbeiter des Gesundheitswesens
in Stasi- Machenschaften? Dieser Frage sind die Autoren Doris Scholz
und Dr. med. Erhard Scholz, am Beispiel einer Region nachgegangen. Sie
lebten von 1962 bis 1987 in Frankfurt an der Oder, als Krankenschwester
beziehungsweise Chirurg. Ihr Buch, Staatssicherheitsdienst der DDR: Beispiel:
Das Gesundheitswesen im Raum Frankfurt/Oder 1962-1989, wurde im Ärzteblatt
ausführlich besprochen (Deutsches Ärzteblatt 96, Heft 43 (29.10.1999),
Seite A-2727).
Die dort zusammengetragenen Fakten sind weit erschütternder,
als die vor lämgerer Zeit im Net veröffentlichte und schnell
wieder zurückgezogene Gehaltsliste der hauptamtlichen Stasi- Mitarbeiter
("www.nierenspende.de"). Diese verursachte bei uns "Zeitzeugen" bestenfalls
wegen ihres Umfangs und des "Wiedersehens" mit dem einen oder anderen
"Kollegen" Erstaunen, sofern man dessen Mitarbeit unter dem Kommando der
Staatssicherheit nicht ohnehin vermutet hatte. Wer Gelegenheit hatte,
diese Datei zu "bewundern", fand dort vom kleinen Angestellten bis
hin zum ärztlichen Direktor eine illustre Gesellschaft samt
ihrer Gehaltshöhen aufgelistet.
Mit der Wende wurde offensichtlich, dass die Zahl zusätzlicher "Inoffizieller Mitarbeiter" noch größer war als befürchtet. Hier gab es für uns in der Tat Überraschungen ohne Ende, Überraschungen, die bis heute noch nicht restlos innerlich verarbeitet sind.
Die Gehälter der beim MfS ("Ministerium für Staatssicherheit") verpflichteten Ärzte lagen bei vergleichbarer Qualifikation je nach Dienstgrad rund 50% bis 100% über denen ihrer "zivilen" Fachkollegen. Entsprechend höher sind auch ihre jetzigen Rentenansprüche, die nach neuster Rechtsprechung ungekürzt zur Auszahlung kommen.
Ziel der von den oben genannten Autoren unternommenen Untersuchung war es, einen Einblick in den Umfang der Kontrolle der Stasi im Gesundheitswesen Frankfurt/Oder zu erhalten. Das geschah mit Hilfe der noch vorhandenen Unterlagen des Staatssicher- heitsdienstes der DDR, die in der Außenstelle Frankfurt/Oder des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen aufbewahrt werden.
Zahlreiche Ärzte standen auf den Gehaltslisten: 307 Mitarbeiter des Gesundheits- wesens aus dem Raum Frankfurt/ Oder wurden so überprüft. Es fanden sich bei 60 Personen Hinweise auf eine aktive Stasi-Tätigkeit (Täterakten, Gehaltslisten der Stasi, Suchkartei). 37 der 60 Personen waren Ärzte: acht Chirurgen, acht Allgemein- mediziner, drei Anästhesisten, je zwei Zahnärzte, Gynäkologen, Internisten, Neurologen, Kinderärzte, Urologen und Hautärzte. Betroffen waren auch ein Orthopäde, ein Augenarzt, ein HNO-Arzt sowie ein Röntgenarzt. Aufgeschlüsselt nach Positionen waren es 13 Chefärzte, vier Ärztliche Direktoren, 11 Oberärzte, vier Kreisärzte, drei Gutachter und neun sonstige angestellte Ärzte (Doppelfunktion möglich).
Die meisten IM blieben nach 1989 in ihren Positionen. Die freiwerdenden Posten wurden oft von dem IM aus der zweiten Reihe besetzt. Ein Teil der belasteten Ärzte ließ sich in eigener Praxis nieder und betreibt diese heute, bestens ausgestattet, ohne Schulden bei den Banken. Von den 13 Chefärzten arbeiteten nach 1989 in den alten Funktionen die IM Nr. 9, 5, 25, 11, 12, 13 und 45. Von den 11 Oberärzten blieben fünf unangetastet in ihren Positionen. Einer stieg zum Ärztlichen Direktor auf. Nr. 51 war Kreisarzt und arbeitet heute noch als Amtsarzt. Bei einer telefonischen Anfrage 1997 bei einem amtierenden Ärztlichen Direktor eines der größten Krankenhäuser im Gebiet, auf das sich dieser Bericht erstreckte, erhielten die Autoren die Auskunft, die Überprüfung der Leitenden Ärzte auf Stasi-Mitarbeit laufe noch. Chefarztfunktionen hatten in diesem Haus sieben Jahre nach der Wiedervereinigung Nr. 9, 11, 12, 13 und 44 sowie 25.
Viele für das Thema relevante Unterlagen wurden
zielgerichtet vernichtet. Auffallend ist, daß die höchste Charge
der IM, die OibE, bis auf einen über die Gehaltslisten im dunkeln
blieben. Unerträglich ist es, wenn ehemalige Spitzenfunktionäre
dieses Sicherheitsapparates noch heute den Versuch unternehmen, über
Veranstaltungen und Publikationen massive Geschichtsknitterung zu betreiben,
um damit ein weiß getünchtes Abbild ihrer Tätigkeit für
die Nachwelt zu hinterlassen. Entgegen anfänglicher Vorstellungen
über eine offene und versöhnliche Aufarbeitung, über Schuld
und Sühne, wissen wir heute, dass erst die biologische Abdankung dieser
Führungsriege auch deren Einfluss beenden wird. .
Die Tätigkeit des MfS und die damit verbundene
Verstrickung vieler Personen darf nicht zu dem Trugschluß führen,
daß die Mehrzahl der Menschen für eine solche menschenverachtende
Mitarbeit zu gewinnen gewesen sei. Erst kürzlich schockierte BISKY
mit der Behauptung, die ihm nachgewiesene Informantentätigkeit sei
in der DDR "normal" gewesen. Richtig ist, daß 90% der Menschen keine
aktive Verbindung zu diesem perfiden Machtapparat hatten!
Literatur