Funktionelle Behandlungen
nehmen im Kindesalter, ganz besonders bei Säuglingen und Kleinklindern,
einen großen Rahmen ein. Schnell sind Eltern wegen einer vermeintlichen
oder tatsächlichen Körperfehlhaltung beunruhigt oder geraten
bei Vergleichen mit dem Entwicklungsstand anderer Kinder in Sorge.
Viele dieser Ängste sind zwar unbegründet, aber die Eltern suchen
dennoch nach zusätzlichen Behandlungsangeboten.
Man hat bisweilen den Eindruck,
daß kaum noch ein Kind zu Hause laufen lernt, das macht es beim Krankengymnasten.
Seine Muttersprache lernt es beim Logopäden und das "richtige" Spielen
beim Ergotherapeuten. Ein Kollege schrieb:"Es ist mir nur zu erklärlich,
dass in den Gassen, auf den Wiesen und an den Bächen Deutschlands
keine Kinder mehr spielen. Das kommt davon, dass sich 50% jedes Geburtsjahrganges
beim Therapeuten aufhalten müssen, und statt Eltern haben diese armen
Kreaturen nur noch Chauffeure, die mit ihnen von Termin zu Termin hasten.
In meinen Augen hat das Elternhaus die biologische Pflicht, die Kinder
zu erziehen und lebenstüchtig zu machen. Nur in dieser Nestwärme
kann ein Kind gedeihen."
.
Die Angebotsskala dieser
oft überflüssigen, aber kostenintensiven "Therapien" wächst
laufend. Es sind hier keineswegs nur Kinderärzte, die solche Behandlungen
anschieben. Hebammen, Lehrer, Zahnärzte und Kieferothopäden,
Bademeister, Heilpraktiker und gute Bekannte - kurz: viele, oft weltanschaulich
geprägte, Gruppen sind daran beteiligt, nicht selten in der Erwartung
zusätzlicher Geldeinnahmen.
.
Natürlich weiß,
jeder Kinderarzt, wie wichtig funktionelle Therapien bei ernsthaft behinderten
und entwicklungsgestörten Kindern sind. Andererseits geben hoch kompetente
Fachleute wie Prof.Hans Georg SCHLACK zu bedenken, daß zwei
Drittel dieser Behandlungen unbegründet seien:
Jedes vierte Kind in Deutschland
erfahre bis zum Alter von acht Jahren eine oder mehrere Therapien, auch
wenn kein Geburtsschaden wie etwa spastische Lähmung vorliege. “Fachlich
rechtfertigen ließe sich das bei nur acht bis - wenn man die umstrittene
Diagnose Hyperaktivität einschließt - zehn Prozent." Bis
zu zwei Drittel der Maßnahmen gegen Sprach- und Sprech-, Bewegungs-
und die von Schlack als besonders beliebige Diagnose angesehenen “Wahrnehmungsstörungen"
wären folglich überflüssig. Krankenkassen und Sozialhilfeträger
koste das jährlich mehr als eine Milliarde Mark, schätzt
der Arzt und erzählt von Therapeuten, die richtiggehend Werbetouren
durch Kindergärten und Schulen unternähmen.
Angesichts der Schärfe
der Kritik klingen die Reaktionen aus der Therapeutenszene sanft.
Die Ergotherapeuten etwa
beteuern, ihre Mitglieder hätten es gar nicht nötig, Kundschaft
zu akquirieren. “Normalerweise" seien die Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz
lang genug.
Hubertus von Voss,
als Leiter des Kinderzentrums München so etwas wie eine graue Eminenz,
räumt dagegen ein, "es bedürfe besserer wissenschaftlicher Studien,
um dem Patienten zu ersparen, von Therapie zu Therapie geschleift zu
werden".
“Manche Dinge muss man zu
Ende denken", gibt Schlack als sein Motto aus. Und so ortet der Kinderarzt
als Hauptverantwortlichen des Therapie-Booms jene Eltern, die in ihrem
Ehrgeiz übersähen, dass eine “Entwicklungsstörung manchmal
vorübergehender Art ist". Gleichzeitig nähmen Mütter und
Väter ihrem Nachwuchs oft die Möglichkeit, durch eigene, spontane
Erfahrungen Rückstände aufzuholen. Zu ihren Fehlern gehöre,
dass sie Bewegungsmangel dulden oder gar fördern, die Kinder “medial
überfüttern" oder mit Spielzeug versorgen, “das keinen Raum lässt
für Phantasie und Kreativität".
Prof.Spranger, Direktor
der Universitäts-Kinderklinik Mainz, kommentierte schließlich
eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten und fragt, ob tatsächlich diese
Kinder oder nicht vielmehr die Gesellschaft gestört sei, welche derartigen
Normierungszwängen folgt. "Ich finde es jedenfalls als normal,
daß es sehr lebhafte und daß es motorisch weniger geschickte
Kinder gibt, die lieber schwimmen gehen als in einer Mannschaft frustriert
zu werden. Ich finde es auch normal, daß Menschen überhaupt
keinen Sport treiben.." so der Professor.
Hinzu kommt, daß die
Erfolgsbewertung
einschlägiger Behandlungsverfahren zunehmend kritisch gesehen wird.
Anhand einer Metaanalyse von 50 Publikationen wurde nach der Wirksamkeit
physiotherapeutischer Behandlungsverfahren (Vojta,
Bobat, Kabat u.a.) im Rahmen der Cerebralparese-Behandlung
von Kindern gefragt. Das Ergebnis war ernüchternd: Auch die verbesserten
Untersuchungsmethoden festigen nicht den wissenschaflichen Hintergrund
der Therapien. Je besser die Studie, desto seltener der Nachweis eines
Behandlungserfolges dieser Verfahren. Auch zu ausgefeilten Verfahren, die
gelegentlich mit doktrinärer Fraglosigkeit vertreten werden, fand
sich nichts überzeugend Neues in den Datenbanken. (Zit.n. Spranger-
HIPP-Literaturservice).
Auch der in den letzten Jahren
auf breiter Front Verbreitung findende Symptomenkomplex der kopfgelenk-induzierten
Symmetriestörung (KISS-Syndrom)
hat zu einer übereilten Durchführung zervikaler Manipulationen
bei einer Fülle von asymmetrischen Fehlhaltungen und anderer Befindlichkeitsstörungen
des Säuglings und Kleinkindes geführt, die eigentlich eine spezifische
und differenzierte Therapie benötigen. Das stellt Prof. Wirth
von der orthopädischen Universitätsklinik Marburg fest. Es existiere
nicht eine wissenschaftliche Studie, die eine Wirksamkeit der Manualtherapie
bei diesen Erkrankungen nachweisen könnte. Die Manualtherapie ist
zudem nicht ungefährlich. Die mittels CT häufig diagnostizierte
"atlanto-axiale Rotationssubluxation" ist nach neueren Erkenntnissen "nichts
anderes als die Beschreibung eines Normalbefundes für die besagte
Kopfschiefhaltung", also keineswegs eine Begründung für eine
Manualtherapie.
Dr.P. Langer
11.10.03
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