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Zu diesem Begriffs-Komplex gibt es immer wieder Ängste bei Eltern und Verunsicherungen bei Ärzten. Hinzu kommt, dass Außenseitermethoden als kostenträchtige Therapieangebote Heilung auch für völlig anders geartete Leiden versprechen. PD Dr. med. Ralf Stücker
vom Altonaer Kinderkrankenhaus hat zu diesem Thema wichtige Fakten
aus der Sicht des Kinderorthopäden zusammengestellt.
"Eine Schräglagedeformität ist durchaus nicht selten. In unserer kinderorthopädischen Abteilung werden uns pro Woche mindestens zwei bis drei Kinder mit mehr oder weniger stark ausgeprägter Schräglage vorgestellt. Die meisten dieser Kinder sind per Sektio entbunden worden, sodass kein traumatischer Geburtsvorgang stattgefunden hat. Die Ursache der nachzuweisenden Assymmetrie ist vielmehr eine intrauterine Zwangslage, die zu einer einseitigen Verkürzung der Rumpf- und Halsmuskulatur geführt hat, wie sie in fast jedem Fall nachzuweisen ist. Die Schräglagedeformität macht sich klinisch durch eine Rumpfneigung zu einer Seite bemerkbar. Auf der Konkavseite steht das Becken höher, sodass der Eindruck einer Beinlängendifferenz entsteht. Gewinnen die Kinder die erste Kopfkontrolle, versuchen sie, die Verkürzung der Halsmuskulatur auszugleichen. Dann wird der Kopf als Ausgleich für die gesamte C-förmige Rumpfverbiegung zur Seite der Konkavität geneigt und zur Konvexität gedreht. Warum ist nun der Dens axis auf den Röntgenaufnahmen dezentriert? Handelt es sich dabei um eine Blockierung? Aus Erfahrung vieler Operationen an der kindlichen Halswirbelsäule lässt sich sagen, dass eine Blockierung im Bereich der oberen Halswirbelsäule im Säuglingsalter nicht möglich ist. Versucht man im Rahmen von Operationen beide oberen Halswirbel gegeneinander zu bewegen, gleiten die hyalinen Gelenkflächen wie auf Schmierseife, wobei die Gelenke einen großen Bewegungsspielraum haben. Die Deentrierung des Dens ist lediglich Folge der kompensatorischen Rotation. Im Rahmen der Entwicklung einer jeden Skoliose gibt es oberhalb und unterhalb einer Primärkrümmung, Sekundärkrümmungen in die Gegenrichtung. Bei der Schräglagendeformität ist jedoch die Halswirbelsäule in eine große C-förmige Krümmung einbezogen. Eine Gegenkrümmung oberhalb der Halswirbelsäule ist natürlich nicht möglich. Als Ersatz für diese Gegenkrümmung entsteht deshalb eine Gegenrotation im Segment C1/2. Diese Gegenrotation ist im Röntgenbild als dezentriert stehender Dens axis nachzuweisen. Neigt man den Kopf im Rahmen einer röntgenologischen Untersuchung in die Konkavität, ist diese Gegenrotation nicht mehr nachzuweisen und der Dens axis steht zentriert. Die Schräglagedeformität ist eine ausgeprägte Manifestation einer Asymmetrie, die in geringerer Ausprägung im Säuglingsalter relativ häufig vorkommt. Ursache ist unter anderem der in den ersten Monaten persistierende asymmetrische tonische Nackenreflex (ATNR). Bei regelrechter Entwicklung verschwindet dieser Reflex jedoch spontan und damit häufig auch die asymmetrische Haltung der Kinder. In einzelnen Fällen (einseitige Lagerung und Handhabung der Säuglinge) kann der asymmetrische tonische Nackenreflex im Säuglingsalter bestehende Asymmetrien jedoch deutlich negativ beeinflussen, sodass tatsächlich auffällige Schräglagedeformitäten entstehen, die der konservativen Behandlung durch eine krankengymastische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage bedürfen. Dass im Rahmen der Entstehung einer solchen Deformität gelegentlich auch einmal manualmedizinisch nachweisbare Probleme entstehen, ist denkbar. Solche Störungen sind jedoch immer sekundär und werden durch die krankengymnastische Behandlung in idealer Weise therapiert. Verkürzte Muskulatur bedarf einer adäquaten Dehnung und einer Stimulierung der Antagonisten, um wieder eine regelrechte Funktion zu erreichen. Deshalb ist unbegreiflich, warum nach einer manualmedizinischen Behandlung die Krankengymnstik ausgesetzt werden soll. Der muskuläre Schiefhals, der angeblich durch eine Atlastherapie geheilt werden kann, ist nicht mit einer Schräglagedeformität gleichzusetzen. Hier handelt es sich um eine einseitige Fibrosierung des M. sternocleidomastoideus, wobei die Ätologie nicht sicher geklärt ist. Ich persönlich habe noch keinen Fall gesehen, in dem sich ein muskulärer Schiefhals durch Manualtherapie (Atlastherapie) hätte bessern lassen. Der muskuläre Schiefhals hat dann eine gute Prognose, wenn im ersten Lebensjahr eine Beseitigung der Muskelkontraktur gelingt. Auch für diese Erkrankungen gibt es keine gute Alternative zu einer fachgerecht durchgeführten krankengymnastischen Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage. Das Problem beim „KISS-Syndrom“ besteht nicht in der Behandlung, sondern in der Tatsache, dass Kindern ein Etikett zugeordnet wird, welches zu einer Kategorisierung führt, die möglicherweise eine weitere Diagnostik verzögert. Persistierende Asymmetrien haben häufig handfeste Ursachen, z.B. Säuglingsskoliosen, kongenitale Skoliosen, Klippel-Feil-Syndrom, Sprengelsche Deformität, um nur wenige zu nennen. In solchen Fällen ist deshalb zunächst eine Abklärung erforderlich. Eine Röntgenaufnahme des okzipitozervikalen Übergangs a.p. ist für eine Diagnostik kongenitaler Anomalien in diesem Bereich nicht geeignet. Neben dem Begriff KISS-Syndrom muss deshalb auch die von vielen Manualtherapeuten propagierte Röntgenaufnahme a.p. abgelehnt werden, da sie eine nicht unbeträchtliche Strahlenbelastung der Orbita erzeugt. Fazit: Durch den Begriff KISS-Syndrom wird die Kausalkette umgedreht. Die Rotationsstellung der Kopfgelenke ist immer Folge einer Asymmetrie und als Kompensationsmechanismus aufzufassen. Die Kritik richtet sich nicht gegen die Manualtherapie allgemein, die in geeigneten Fällen gute Erfolge haben kann. Im Kindesalter beispielsweise kann bei Kindern mit Zerebalparese die Atlastherapie mit gutem Erfolg zur Detonisierung eingesetzt werden. Die unter der Etikette KISS-Syndrom durchgeführte Röntgenuntersuchung und Behandlung der Kopfgelenke unzähliger Säuglinge und Kleinkinder sind nach heutigem Kenntnisstand jedoch in keiner Weise gerechtfertigt." |