"Der Tagesspiegel"
vom 20.04.2005
Was WISSEN
schafft
In den Blumentopf,
nicht in den Hals
„Umckaloabo“
hat keine wissenschaftlich bewiesene Wirkung
Alexander S.
Kekulé
Deutschlands
Eltern und Kinderärzte entdecken derzeit ihre Liebe zu Khoisan, der
Klicksprache der südafrikanischen Buschleute. Ein Wort zumindest haben
viele schon ganz passabel gelernt: „Umckaloabo“, was angeblich so viel
wie schwerer Husten bedeutet. Vielleicht kommt der Zungenbrecher aber auch
von „umkhuhlane“, dem Zulu-Wort für Erkältung. Andere behaupten,
es handele sich um eine der etwa 250 südafrikanischen Geranienarten,
die ja eigentlich Pelargonien heißen, oder vielleicht um zwei verschiedene
Geranienarten, je nach örtlicher Flora der Buschmänner.
Trotz der etymologischen
Verwirrung ist eins zumindest sicher: Mit dem U-Wort der Hottentotten ist
richtig viel Geld zu verdienen. Der Wurzelextrakt der südafrikanischen
Kapland-Pelargonie mit dem geschützten Handelsnamen Umckaloabo ist
seit Jahren der Renner unter den Erkältungsmitteln. Laut „Arznei-Telegramm“
lag der Umsatz vor zwei Jahren bereits bei 55 Millionen Euro, mit zweistelligen
Wachstumsraten. Dieses Jahr werden wohl um die zehn Millionen Fläschchen
des braunen Wurzelsuds über deutsche Apothekentresen gehen, Tendenz
weiter steigend.
Glaubt man
der Werbung, entfaltet Umckaloabo bei Erkältungskrankheiten gleich
drei Wunderwirkungen: Bakterien hemmen, die Abwehr gegen Viren verstärken,
Schleim lösen. Das Ganze auf pflanzlicher Basis und ohne jede Nebenwirkung.
Wenn das stimmte, hätten der schwäbische Hersteller ISO-Arzneimittel
und sein Vertriebspartner Spitzner die Eier legende Wollmilchsau der Medizin
erfunden – und die Großen der Branche ganz schön vorgeführt.
Zur werbewirksamen Legendenbildung verbreitet Spitzner die Geschichte des
tuberkulosekranken Engländers Charles H. Stevens, der 1897 von einem
Zulu- Heiler das Geheimrezept bekam und nach Europa mitnahm. Das „moderne
Therapiekonzept“ stamme mithin „erstaunlicherweise nicht aus den Forschungslabors
der Chemieriesen, sondern aus der Savanne Südafrikas“.
Aus wissenschaftlicher
Sicht hat Umckaloabo jedoch keine nachgewiesene Wirkung. Der einzige Effekt
ist eine schwache Hemmung von Bakterien, die jedoch erst beim Tausendfachen
der Dosierung des Arzneimittels beobachtet wird. Davon abgesehen kommt
es bei der Anwendung gar nicht zum direkten Kontakt des Wurzelsuds mit
Bakterien in den Atemwegen, weil dieser geschluckt und im Magen verdaut
wird. Auch die anderen angeblichen Wirkungen – gegen Viren und Schleim
– sind nicht belegt, die wenigen Studien sind lückenhaft und lassen
keine fundierte Aussage zu.
Vielleicht
finden die Forschungslabors der Chemieriesen ja in Umckaloabo eines Tages
tatsächlich einen Wirkstoff. Ein Großteil der potenten Arzneimittel,
vom Aspirin bis zu den neuesten Malariamitteln, wurde einmal in der Natur
entdeckt. Allerdings könnten dies durchaus auch Wirkungen gegen ganz
andere Krankheiten oder gefährliche Nebenwirkungen sein. Hinweise
existieren bereits auf eine Hemmung der Blutgerinnung durch Umckaloabo.
Dass das angebliche Wundermittel ausgerechnet von Kinderärzten millionenfach
verschrieben wird, ist deshalb nicht zu vertreten. Dann doch lieber gleich
Homöopathie: Die hat zwar ebenfalls keine nachweisbare Wirkung, dafür
auch keine Nebenwirkungen – und ist billiger.
Obwohl Umckaloabo
seit über hundert Jahren bekannt ist, hat es sich nur in Deutschland
zum Verkaufshit entwickelt. Vielleicht liegt das auch daran, dass in der
massiven Werbung ein wichtiges Detail der Savannensaga fehlt: Schon Charles
H. Stevens wollte das Wundermittel vermarkten, in seiner Fabrik in Wimbledon
stellte er den Geranienextrakt in großem Stil her. Weil er die Wirkung
von „Stevens’ Tuberkulosemittel“ jedoch nicht beweisen konnte, wurde er
1909 von der britischen Ärztevereinigung als Scharlatan verurteilt,
musste 2000 Pfund Strafe zahlen und war zeitlebens ruiniert. Vielleicht
hätte er mit seinen Geranien vom Kap doch das Einzige tun sollen,
wofür sie bis heute wissenschaftlich einwandfrei geeignet sind: Sie
auf dem Balkon einpflanzen.
Der Autor ist
Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in
Halle.