"Der Tagesspiegel" am
11.01.2005
Am zuverlässigsten
ist die traditionelle Methode
Schnell, aber ungenau:
Temperaturmessung im Ohr
oder an der Stirn ist einfach und bequem – Ärzte warnen, dass sie
zu falschen Ergebnissen führen kann.
Von Anselm Waldermann
Die Nase läuft, der
Hals kratzt – im Winter bleibt fast niemand von Erkältungen verschont.
Oft geht dies auch mit Fieber einher. Doch wie lässt sich eine erhöhte
Körpertemperatur am besten messen? Immer mehr Patienten setzen auf
Stirnthermometer, mit denen man Fieber angeblich problemlos innerhalb von
Sekunden messen kann. Doch Ärzte warnen: „An der Stirn ist die Temperatur
nicht korrekt festzustellen“, sagt Gerhard Gaedicke, Leiter der Klinik
für allgemeine Pädiatrie an der Berliner Charité. Auch
Heinz Jarmatz, Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Hausärzteverbands,
rät von Stirnthermometern ab: „Vor allem bei kaltem Schweiß
auf der Stirn entstehen erhebliche Messfehler.“
Viele Verbraucher lassen
sich von solchen Warnungen aber nicht abschrecken – schließlich haben
Stirnthermometer einen großen Vorteil: Sie sind einfach zu bedienen.
Man muss das Gerät nur an die Stirn halten, und schon liefert es ohne
Unannehmlichkeiten und langes Warten innerhalb von Sekunden ein Messergebnis.
Leider ist das dann oft falsch. Jarmatz berichtet, dass Stirnthermometer
in Arztpraxen daher kaum zum Einsatz kommen – „viel zu ungenau“.
Auch bei Ohrthermometern
sind Experten skeptisch. Denn bei der Messung am Ohr kommt es auf die richtige
Handhabung an, Laien erhalten daher leicht falsche Resultate. Außerdem
kann Ohrschmalz das Messergebnis beeinflussen. So stellte die Stiftung
Warentest bei Ohrthermometern größere Ungenauigkeiten fest:
Teilweise lag die gemessene Temperatur mehr als ein Grad unter derjenigen
der Kontrollmessung. Von sechs getesteten Ohrthermometern kamen vier nur
auf eine ausreichende Messgenauigkeit. Eines, das Beurer Ohrthermometer
FT 25, fiel mit „mangelhaft“ sogar durch. Nur ein Anbieter, der Braun Thermo
Scan, wurde mit „sehr gut“ beurteilt.
Selbst herkömmliche
Thermometer können zu falschen Ergebnissen führen – zumindest,
wenn man sie nicht richtig einsetzt. So raten Experten von einer Messung
unter den Achseln dringend ab. „Damit können Sie nur die Bett-Temperatur
messen“, sagt Gaedicke. Auch im Mund komme man zu keinem genauen Resultat
– schließlich gibt es in der Mundhöhle unterschiedliche Wärmezonen.
Kinder würden zudem gerne auf dem Thermometer herumlutschen, was ebenfalls
das Ergebnis beeinflusse.
Wirklich genaue Messdaten
liefere allein die Messung im Po. „Das ist goldener Standard – zuhause
wie in der Klinik“, sagt Gaedicke. Um die rektale Messung so einfach wie
möglich zu machen, empfiehlt der Experte, in der Apotheke kleine Plastikschutzhüllen
für das Thermometer zu kaufen. Zudem könne man das Thermometer
mit Salbe leicht anfeuchten. Nur wenn sich ein Kind partout gegen eine
rektale Messung wehre, solle man auf andere Methoden ausweichen. In diesem
Fall sei jedoch ein Ohrthermometer einem Stirnthermometer vorzuziehen.
Ausschwitzen sollte man das
Fieber Gaedicke zufolge nur dann, wenn es keine Beschwerden verursacht.
Gerade bei Kindern gehe Fieber jedoch oft mit schmerzhaften Fieberkrämpfen
einher, die sehr unangenehm seien. „Wer sich schlecht fühlt, sollte
mit fiebersenkenden Mitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen nicht zurückhaltend
sein“, sagte Gaedicke. „Die Nebenwirkungen sind zu vernachlässigen.“
Gaedicke empfiehlt daher, das Fieber grundsätzlich nicht über
38,5 Grad Celsius steigen zu lassen.
Hilfreich seien auch Wadenwickel,
die vor allem eine Viertelstunde nach der Einnahme von Paracetamol einen
verstärkenden fiebersenkenden Effekt haben. Dazu taucht man Küchentücher
in kaltes Wasser ein, wickelt sie vom Knöchel bis zum unteren Knierand
um die Beine, legt dann ein breiteres trockenes Zwischentuch auf und umwickelt
das Ganze mit einem Badetuch zum Aufsaugen der Flüssigkeit. Bei Kindern
gestaltet sich das Verfahren allerdings schwierig: Denn ihre Beine sind
zu kurz, um die Temperatur mit einem Wadenwickel spürbar zu senken.
Anderen Hausmittelchen wie
Holunder- oder Zitronensaft kann Gaedicke ebenfalls etwas abgewinnen. Zwar
hätten die Mittel erwiesenermaßen keinen medizinischen Effekt.
Allerdings bewirke die Zuwendung, die Eltern ihren kranken Kindern bei
der Zubereitung zukommen ließen, bisweilen wahre Wunder.