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Impfgegner sind eine echte Gefahr!
               
    "Der Tagesspiegel" vom 24.04.2002 :

    „Die Impfgegner in Deutschland werden stärker“ 
    Der Infektionsexperte Sieghard Dittmann warnt vor den Folgen der Impfmüdigkeit

    Kürzlich gab in es Coburg eine Masern-Epidemie, und etwa jedes zehnte erkrankte Kind litt unter so schweren Komplikationen, dass es ins Krankenhaus musste. Die fränkische Stadt gilt als eine Hochburg der Impfgegner. Was sind das für Leute? Sind sie eine homogene Gruppe?

    Nein, unter den Impfgegnern sind zum Beispiel Anthroposophen, und eine große Rolle spielen Homöopathen. Auch manche Hebammen, die großen Einfluss auf die Mütter haben. Sogar ein paar Ärzte gehören dazu.

    Sind auch religiöse Fundamentalisten darunter?

    In den Niederlanden zum Beispiel gibt es eine bestimmte protestantische Unter-Gemeinschaft, die Impfungen prinzipiell ablehnt. Unter den Ungeimpften solcher Gemeinden kommt es immer wieder zu Epidemien. Noch 1992 erkrankten dort 71 von ihnen an Poliomyelitis, in der übrigen Bevölkerung gab es dagegen nur einen einzigen Fall. Eine Masern-Epidemie forderte 1999/2000 drei Todesopfer.

    Gibt es auch Impfgegner mit kommerziellen Motiven? Sie haben einmal ein Werbeschreiben des Hirthammer-Verlags an Eltern Neugeborener erwähnt. Im Briefkopf steht „Umweltschutz, Tierschutz, Theosophie, Bücher für gesundes Leben“. Die Eltern werden aufgefordert, die Ratgeber des Verlages zu kaufen, und schon mal gewarnt: „Impfungen verhindern ansteckende Krankheiten nicht, sondern stellen einen Angriff auf das Immunsystem dar.“

    Hier spielen wohl tatsächlich kommerzielle Interessen eine Rolle: Ein Verleger will auf diese Art seine Bücher unter die Leute bringen. Der Inhalt des Briefes ist abstrus. Die Eltern sollen sich um Beispiel fragen, warum sie ihre Kinder „gegen Krankheiten impfen lassen sollen, die es seit 20 Jahren praktisch nicht mehr gibt, wie die Kinderlähmung. Aber dass es sie nur dank konsequenter Impfung praktisch nicht mehr gibt, wird verschwiegen.

    Bei einer Tagesspiegel-Veranstaltung sprach Reinhard Kurth, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, unlängst von einer „kleinen, aber lautstarken Gruppe von Impfgegnern“. Sie selbst sagten gerade in Ihrem Vortrag, die „Anti-Impf-Lobby“ werde immer stärker. Wie stark ist sie denn?

    Der Anteil der Impfgegner, also derer, die ihre Kinder nicht nur aus Nachlässigkeit, sondern ganz bewusst nicht impfen lassen, ist eigentlich gering; er liegt unter fünf Prozent. Aber sie artikulieren sich jetzt zunehmend auch in Deutschland. Die modernen Kommunikationsmittel machen es ihnen leicht, ihre Meinung zu vertreten. Es gibt im Internet eine Unmenge von Websites zu diesem Thema.

    Da heißt es zum Beispiel: „Impfen ist ein nachvollziehbarer Betrug. Es war niemals möglich, mit Mikroben entsprechende Krankheiten auszulösen. Im Jahre 1882 beging der Bakteriologe Robert Koch im politischen Auftrag Wissenschaftsbetrug . . . Öffentlich wurden Versuche durchgeführt, die die Behauptungen über ,Ansteckung’ durch Mikroben und das ,Impfen’ widerlegt haben.“

    Das ist wirres Zeug. Ich könnte genauso gut sagen: Einstein hat nie gelebt.

    Aber die Existenz von Krankheitserregern wird doch nicht von sämtlichen Impfgegnern geleugnet?

    Nein, aber manche, zum Beispiel Anthroposophen, meinen, man müsse die Kinderkranheiten durchmachen, statt sie zu verhüten. Das soll, wie es heißt, die Gesundheit und die Persönlichkeit stärken – was Professor Kurth sehr deutlich als „Quatsch“ bezeichnet hat. Es gibt sogar Gruppen, die „Masern-Partys“ propagieren: Alle Kinder sollen mit Infizierten zusammentreffen, damit sie auch an Masern erkranken. Aber bis zu zehn Prozent der Kranken bekommen Komplikationen, jeder Tausendste sogar eine Enzephalitis, eine Gehirnentzündung.

    Die Impfgegner reden aber nur von einer „Impf-Enzephalitis“. Im Aprilheft des Bundesgesundheitsblatts, einem Schwerpunktheft über Schutzimpfungen, schreiben Sie, dass in verschiedenen Ländern ungefähr ein bis sechs Hirnentzündungen in zeitlichem Zusammenhang mit 100 000 Masernimpfungen festgestellt wurden.

    Diese Rate ist aber niedriger als die Rate von Enzephalitis-Erkrankungen aus verschiedenen natürlichen Ursachen bei Kindern derselben Altersgruppe. Dies legt den Schluss nahe, dass die Mehrzahl der festgestellten Hirnentzündungen, wenn nicht sogar alle, gar nicht im ursächlichen Zusammenhang mit der Masernimpfung stehen.

    Aber ganz ohne Risiken sind doch Impfstoffe nicht. Und da man es beim Impfen mit Gesunden zu tun hat: Muss man da nicht ganz besonders vorsichtig sein?

    Wir haben in Deutschland alles, was Ärger macht, aus dem Impfplan herausgeworfen: Die BCG-Impfung gegen Tuberkulose wurde abgeschafft, die Schluckimpfung gegen Polio durch die Injektion eines inaktivierten Impfstoffs ersetzt. Und der hatte, seit Salk ihn vor einem halben Jahrhundert entwickelte, keinerlei ernsthafte Nebenwirkungen.

    Und die Keuchhustenimpfung?

    Statt des alten Vollbakterien-Impfstoffs wird jetzt der azelluläre Pertussis-Impfstoff verwendet. Der enthält nur einzelne Teile der Bakterienoberfläche, also so wenig Antigene, dass da nicht viel an Nebenwirkungen zu erwarten ist.

    Haben Sie oder andere Fachleute einmal versucht, die Impfgegner mit solchen Argumenten zu überzeugen?

    Ja – aber bisher hatte das keinen Sinn. Man redete aneinander vorbei. Trotzdem bin ich jederzeit bereit, mich mit Impfgegnern sachlich auseinander zu setzen.

    Werden Sie auch freimütig über Impfschäden reden?

    Abgesehen von den vorübergehenden örtlichen und Allgemeinreaktionen wie Schwellungen an der Einstichstelle und gelegentlichem Fieber gibt es nur ganz wenige echte Gefährdungen. Darüber werden wir offen und sachlich aufklären.

    Das Interview führte Rosemarie Stein.


    "Der Tagesspiegel" vom 18.07.2001 : 

    Allen Zweifeln zum Trotz: Impfungen sind sinnvoll 
    Alexander S. Kekulé 

    Kaum war das neue Gesetz zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten veröffentlicht, formierten sich in ganz Deutschland die Gegner. Ihre Kritikpunkte: Die Zwangsimpfungen im Kindesalter wären von zweifelhafter Wirkung, hätten möglicherweise unbekannte Nebenwirkungen und stellten einen massiven Eingriff in die persönliche Freiheit dar. Der eilig gegründete "Deutsche Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung" warnte gar vor drohender "Blutverjauchung", zum Beispiel durch Verbreitung der "Franzosenkrankheit" Syphilis. 

    Die Rede ist vom ersten "Reichsimpfgesetz", erlassen vom deutschen Kaiser anno 1874. Die darin vorgeschriebene Pockenimpfung verwandelte eine tödliche Massenseuche innerhalb weniger Jahre zur medizinischen Rarität. Anschließend radierten weltweite Impfprogramme die Seuche vom Globus, seit 1980 sind Pocken die erste - und bisher einzige - endgültig besiegte Krankheit. Seit Anfang dieses Jahres gilt in Deutschland das nagelneue "Infektionsschutzgesetz", die "gemeingefährlichen Krankheiten" früherer Tage heißen heute nüchtern Infektionskrankheiten.

    Der Streit um Nutzen und Gefahren der Schutzimpfungen im Kindesalter bewegt jedoch wie eh und je die Gemüter von Eltern, Ärzten und Heilpraktikern: Sind geimpfte Kinder wirklich gesünder? Können Impfstoffe Allergien auslösen? Stärken "natürliche" Kinderkrankheiten wie Masern oder Röteln nicht vielleicht sogar das Immunsystem? Um es gleich vorweg zu nehmen: Die heute empfohlenen Impfstoffe sind sicher und sinnvoll. Ernste Nebenwirkungen sind äußerst selten, auf jeden Fall wesentlich seltener und harmloser als die möglichen Schäden der jeweiligen "natürlichen" Krankheiten. Für die Hypothese, dass Kinderkrankheiten die Immunabwehr stärken, gibt es keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg. Trotzdem ist Deutschland unter den Impfmuffeln der EU immer noch einer der Spitzenreiter. So erkranken jährlich 50-60 000 Deutsche an Masern, während die Krankheit etwa in Schweden fast ausgelöscht ist - nur in Italien wird noch weniger gegen Masern geimpft als hierzulande.

    Da es in Deutschland keine allgemeine Impfpflicht mehr gibt, kommt den Kinderärzten die Aufgabe zu, jedes Elternpaar einzeln von den "öffentlich empfohlenen" Impfungen zu überzeugen. Das kostet zum einen viel Zeit, die als Beratungsleistung schlecht bezahlt wird. Zum anderen ist es auch für fortbildungswillige Mediziner fast unmöglich, mit der Gerüchteküche Schritt zu halten: Beinahe täglich erscheinen Schreckensberichte über angebliche Impfschäden und Theorien über die Vorteile der "natürlichen" Infektionen. Dank des Internets sind die Patienten oft besser informiert als ihre Ärzte - eine Website in den USA gibt sogar konkrete Ratschläge, wie man sich um die dort vorgeschriebenen Schutzimpfungen herummogeln kann.

    Oft vergehen Jahre, bis vage Gerüchte durch wissenschaftliche Untersuchungen widerlegt werden. 1998 hatte ein britischer Wissenschaftler den Verdacht geäußert, dass die in allen Industrieländern übliche Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln eine Ursache des frühkindlichen Autismus sei. Erst zwei Jahre später schafften statistische Auswertungen mit mehreren tausend Kindern den Vorwurf aus der Welt - die ursprüngliche Studie hatte auf ganzen zwölf Fällen basiert. Der Keuchhusten-Impfung haftete jahrelang der - später widerlegte - Verdacht an, für einige Fälle des plötzlichen Kindstodes verantwortlich zu sein. Und erst im Februar widerlegten zwei große Studien den Vorwurf, die Impfung gegen Hepatitis-B verursache Multiple Sklerose.

    Um Eltern von der Notwendigkeit der Schutzimpfungen im Kindesalter zu überzeugen, müssen Ärzte und Pharmaindustrie vor allem das Vertrauen ihrer Patienten wieder gewinnen. Dazu gehört auch, jeweils individuell nach echten Risikofaktoren - etwa schweren Infektionen - zu fahnden, statt hoppla-hopp ohne Diskussion die Spritze zu geben. Der Preis für die Wahlfreiheit der Patienten ist die Geduld der Ärzte - auch wenn das nicht in der Gebührenordnung steht.

    Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle.